Zwischenbilanz nach neunzig Jahren: eine kurze Geschichte der Olympischen Winterspiele

 

Ansicht der Olympiastadium in Chamonix, wo die Winterspiele 1924 stattfanden. [AP File Photo]

Ansicht des Olympiastadiums in Chamonix, wo die Winterspiele 1924 stattfanden. [AP File Photo]

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir einen Beitrag zur Geschichte der Olympischen Winterspiele, der am 8. Februar 2014 auf DipNote, dem offiziellen Blog des US-Außenministeriums, veröffentlicht wurde. Continue reading

Neue Heimat für den Amerika Dienst

Dolmetscherkabine

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Handel führt zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Staatssekretärs im Außenministerium für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten, Alan Larson.

Länder, die dem globalen System offener Märkte offensiv beitreten prosperieren.
Ihr politisches System und ihre Gesellschaft werden offener und bieten neue Möglichkeiten für ihre Bürger sowie zukünftige Generationen. Präsident George W. Bush sagte: “Feihandel ist für die Entwicklungsländer der einzig erwiesene Weg aus der Armut. Wenn Nationen von der Welt abgeschottet sind, zahlen ihre Bürger einen hohen Preis… Diejenigen, die den Freihandel verurteilen, verurteilen die Armen zu dauerhafter Armut.”

Die Liberalisierung des Handels hat tiefgreifende Auswirkungen auf Wachstum und Armut, weil Freihandel Volkswirtschaften für den Wettbewerb und Gesellschaften für Vergleiche öffnet. Freihandel schafft Chancen, da Ressourcen dort hinfließen können, wo sie produktiv eingesetzt werden können und den Lebensstandard verbessern. Freihandel trägt zur Schaffung eines offenen Investitionsklimas bei, erschwert Korruption und begrüßt neue Ideen, so dass die Demokratie Wurzeln fassen und wachsen kann. Freihandel senkt die Kosten für Grundbedürfnisse wie Lebensmittel und Kleidung, so dass eine bessere Lebensqualität erreicht wird – besonders für die Armen.

DIE ROLLE DES FREIHANDELS BEIM WIRTSCHAFTWACHSTUM UND DEM ABBAU VON ARMUT

Wirtschaftswachstum ist das wichtigste Mittel der Länder zur Verminderung der Armut. Einige empirische Studien der Weltbank gelangten jüngst zu der Schlussfolgerung, dass Entwicklungsländer, die in den letzten 20 Jahren ihre Handelsschranken gesenkt und den Handel gesteigert haben, auch ein stärkeres Wirtschaftswachstum verzeichneten.

Diese Studien weisen darauf hin, dass Offenheit für den Handel zum Rückgang der absoluten Armut führt und Einkommensunterschiede nicht verstärkt. Entwicklungsländer, die in den achtziger und neunziger Jahren Handelsbarrieren abbauten, verzeichneten beispielsweise auf Pro-Kopf-Basis jeweils ein durchschnittliches Wachstum von 3,5 bis 5 Prozent. Die Einkommensunterschiede in diesen Länder vergrößerten sich nicht, vielmehr korrelierte das Einkommen der Armen sehr stark mit dem allgemeinen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts.

Die Beiträge des Freihandels zum Wachstum gehen über die Bilanz eines Landes hinaus. Offener Handel steigert die Wettbewerbsfähigkeit nationaler Volkswirtschaften, indem die heimischen Unternehmen stärkerem Wettbewerb ausgesetzt werden. Am wichtigsten ist vielleicht, dass die engagierte Beteiligung am Welthandelssystem, einschließlich der Befolgung globaler Handelsregeln, die Transparenz und Kalkulierbarkeit wirtschaftlicher Transaktionen steigert. Diese Auswirkungen stärken die Attraktivität des wirtschaftlichen Umfelds der Entwicklungsländer als Empfänger von Direktinvestitionen. Ausländische Direktinvestitionen tragen zum Wachstum bei, indem sie Größe und Solidität des Wirtschaftsvermögens eines Landes steigern. Im Gegensatz zu Portfolioinvestitionen und Bankkrediten sind ausländische Direktinvestitionen im Allgemeinen weniger an Konjunkturabschwünge und finanzielle Auswirkungen von Marktstörungen auf andere Märkte gebunden und damit ein kalkulierbarerer und dauerhafterer Teil des Vermögensbestandes eines Landes. Der Fluss ausländischer Direktinvestitionen in Entwicklungsländer erreichte 1999 208 Milliarden Dollar und übertraf damit klar die staatliche Entwicklungshilfe von 50 Milliarden Dollar.

KEIN LAND ZURÜCKLASSEN

Ziel der Vereinigten Staaten, wie es Präsident Bush ausdrückt, ist es “die Armen der ganzen Welt in den sich erweiternden Kreis der Entwicklung einzubeziehen”. Einer der bedeutendsten Schritte, die wir zur Erlangung dieses Ziels unternehmen können, ist es, die neue multilaterale Handelsrunde während der Zusammenkunft der Welthandelsorganisation (WTO) in Doha, Qatar, in diesem November voll und ganz zu unterstützen. Die Entwicklungsländer haben an dieser Diskussion ein großes Interesse: Die Welt der Entwicklungsländer versendet heute insgesamt etwa 45 Prozent der weltweiten Exporte.

Die multilaterale Liberalisierung des Handels ist für Entwicklungsländer aufgrund der entstehenden Handelsbeziehungen unter ihnen, die jetzt 40 Prozent des gesamten Handels in den Entwicklungsländern ausmachen, bedeutender als je zuvor. Allerdings sehen sich diese Handelsflüsse oft den höchsten Handelsschranken gegenüber. Trotz bedeutender Reformen ist der Protektionismus im Handel der Entwicklungsländern noch immer stark und könnte in den neunziger Jahren sogar zugenommen haben. Durchschnittszölle in den Industrieländern auf Fertigerzeugnisse, einschließlich Textilien und Kleidung, belaufen sich momentan auf acht Prozent, während die Durchschnittszölle in den Entwicklungsländern auf die gleichen Waren 21 Prozent betragen. Eine multilaterale Handelsrunde gäbe den Entwicklungsländern die Möglichkeit, ihre Handelschranken gleichzeitig mit ihren Nachbarn zu senken und so vollständiger an der Weltwirtschaft teilzuhaben.

Trotz der Vorteile einer neuen Handelsrunde haben einige Entwicklungsländer echte Bedenken. Institutionelle Schwächen, mangelnde Ressourcen und ein allgemeiner Mangel an Erfahrung in der Handelspolitik kann es den Entwicklungsländern erschweren, weit reichende und manchmal vielschichtige rechtliche und politische Verpflichtungen umzusetzen, die WTO-Mitglieder übernehmen.

Die Vereinigten Staaten sind sich dieser Hindernisse sehr wohl bewusst und sind bereit, partnerschaftlich an der Bewältigung dieser Hemmnisse für die Integration der Entwicklungsländer in das Handelssystem zu arbeiten.

MARKTZUGANG

Eine der grundlegendsten Unterstützungsmöglichkeiten der Industrieländer ist die Erweiterung des Zugangs zu ihren Märkten. Voriges Jahr einigten sich die Mitglieder der Quad-Gruppe – die Vereinigten Staaten, die Europäische Union, Japan und Kanada – auf die Senkung von Handelsbarrieren für die am wenigsten entwickelten Länder (LDCs). Im Mai 2000 initiierten die Vereinigten Staaten das Gesetz über Wachstum und Chancen in Afrika und verstärkten ihre Initiative für das Karibische Becken. Durch diese beiden Präferenzprogramme, gemeinsam mit den Verbesserungen beim System der allgemeinen Präferenzen und den Marktöffnungsmaßnahmen aus den Handelsgesprächen der Uruguay-Runde, wurden die meisten Zölle und Quoten auf Güter aus den am wenigsten entwickelten Ländern abgeschafft. Folglich haben die Importe der Vereinigten Staaten aus den LDCs in den letzten vier Jahren um 50 Prozent zugenommen.

Allerdings sind Präferenzprogramme für die am wenigsten entwickelten Länder keine Allheilmittel und werden die weltweite Armut nicht erheblich reduzieren, da mehr als 80 Prozent der Armen der Welt in größeren Entwicklungsländern wie Indien, China, Pakistan und Ägypten leben, die nicht von diesen Programmen profitieren. Um alle Armen aus der Armut zu befreien, müssen die Handelsfähigkeiten dieser Länder gestärkt werden.

DER AUFBAU DER HANDELSFÄHIGKEIT

Viele Entwicklungsländer benötigen Unterstützung beim Aufbau angemessener und effektiver Handelsfähigkeiten. Industrieländer und multilaterale Institutionen müssen mehr tun, um die Handelsfähigkeit innerhalb von und unter Ländern aufzubauen, während der Handel gleichzeitig in umfassende und kohärente Entwicklungsstrategien integriert wird.

Eine Möglichkeit sicherzustellen, dass dem Handel in der Wirtschaftsentwicklungspolitik angemessene Aufmerksamkeit zukommt, ist die Einbeziehung des Handels in die nationalen Entwicklungspläne und Strategien zum Abbau der Armut. Während der Tagungen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank im Frühjahr verpflichtete sich die Weltbank, den Aufbau von Handelsfähigkeiten in ihre Länderhilfsprogramme einzubeziehen und die Bestrebungen der Schuldner zu unterstützen, den Aufbau der Handelsfähigkeiten in die Strategiepapiere zur Armutsreduzierung (PRSPs) aufzunehmen. Die PRSPs sind Wirtschaftsentwicklungsstrategien, die von den Ländern, denen Schulden erlassen werden, aufgestellt und von der Weltbank überprüft werden.

Seit 1996 arbeitet die WTO mit anderen multilateralen Institutionen zusammen, um die am wenigsten entwickelten Länder beim Aufbau ihrer Handelsfähigkeiten zu unterstützen. Das durch das WTO-Sekretariat unterstützte integrierte Rahmenkonzept koordiniert die Bestrebungen von sechs Agenturen, die Handels- und/oder andere technische Hilfe leisten um sicherzustellen, dass Programme sich gegenseitig ergänzen. Die Vereinigten Staaten haben 200.000 Dollar in den Treuhandfonds des integrierten Rahmenkonzepts eingezahlt.

1995 schuf die WTO einen globalen Treuhandfonds, um die am wenigsten entwickelten Länder dabei zu unterstützen, sich aktiv an der WTO zu beteiligen und neue Chancen im internationalen Handel zu nutzen, die durch WTO-Vereinbarungen geboten werden. Im Jahr 2000 zahlten die Vereinigten Staaten eine Million Dollar in den Treuhandfonds ein. Zudem stellten die Vereinigten Staaten der WTO vor kurzem 650.000 Dollar zur Unterstützung vieler Länder südlich der Sahara bei der Bewältigung von Anliegen der WTO zur Verfügung. Sie stellten der Weltbank 640.000 Dollar für ein Projekt zur Forschung und zum Institutionsaufbau im Bereich der Entwicklung von Gesundheits- und Pflanzenschutznormen und Produktstandards in Afrika zur Verfügung.

Die Vereinigten Staaten nutzen außerdem bilaterale Hilfsprogramme für die Stärkung der Handelsfähigkeiten der Entwicklungsländer. In den letzten beiden Jahren hat das US-Amt für internationale Entwicklung einen Beitrag in Höhe von 600 Millionen Dollar an Programme zum Aufbau der Handelsfähigkeiten geleistet. Diese Programme decken ein breites Spektrum an Bedürfnissen ab – von Programmen zur Stärkung der Regierungsführung und der Rechtsstaatlichkeit bis zu Workshops für Handelsgespräche und Regulierungspolitik. Die wirkliche Integration der Handelsliberalisierung in die Länderstrategien erhöht die Chance der Erkennung und vollständigen Nutzung von durch die Liberalisierung geschaffenen neuen Wachstumsgebieten.

DIE VERBESSERUNG DER MENSCHLICHEN FÄHIGKEITEN

Sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer müssen der Förderung der Fähigkeiten des Menschen mehr Aufmerksamkeit und Ressourcen widmen, insbesondere durch Grundbildung. Bildung stärkt die Fähigkeiten des einzelnen, mündige Entscheidungen zu treffen, indem sie ihm mehr Möglichkeiten zur Bekämpfung der Armut und die Flexibilität gibt, sich anzupassen, wenn Veränderungen notwendig werden. Je flexibler eine Volkswirtschaft und ihre Arbeitnehmer sind, desto stärker kann ein Land von den durch die Liberalisierung des Handels geschaffenen Wachstumschancen profitieren. Präsident Bush hat den Kongress aufgefordert, die Ausgaben der Vereinigten Staaten für internationale Grundbildungsprogramme um 20 Prozent zu erhöhen. Er rief auch die multilateralen Entwicklungsbanken auf, ihre Ausgaben für Bildung zu erhöhen. Außerdem wird Bildung ein Hauptthema beim G8-Gipfel 2002 in Alberta in Kanada sein.

Die Armutsverminderung erfordert eine breit angelegte Partnerschaft zwischen Entwicklungs- und Industrieländern. Der Weg kann für einige Länder länger sein als für andere, aber jeden Tag gibt es mehr Hoffnung. Und der Handel ist eines der hellsten Leuchtfeuer, die den Weg aus der Armut zu wirklich nachhaltiger Entwicklung zeigen. Wir haben eine beispiellose Chance, das Leben der halben Weltbevölkerung, von Menschen, die von weniger als zwei Dollar am Tag leben, zu ändern.

Präsident Bush hat uns in Erinnerung gerufen, dass “was einige Globalisierung nennen, tatsächlich der Triumph der menschlichen Freiheit ist, die sich über nationale Grenzen erstreckt. Sie birgt das Versprechen, Milliarden von Weltbürgern von Krankheit, Hunger und Not zu befreien. Dies ist eine großartige und noble Aussicht, dass Freiheit nicht nur in der neuen Welt oder der alten Welt funktionieren kann, sondern auf der ganzen Welt”.

Armut ist im Grunde die Abwesenheit von menschlicher Freiheit. Entwicklung im Gegensatz dazu ist die Frucht menschlicher Freiheit. Freihandel kann ein mächtiges Instrument sein, um die Rechte der Armen zu stärken und Entwicklung und Wohlstand zu fördern.

Originaltext: Larson on Freeing Trade to Combat Poverty

Globalisierung und die New Economy: Aus persönlicher Sicht.

BERLIN – (AD) – Nachfolgend veröffentliche wir die vom Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 25. Oktober 2000 in Düsseldorf gehaltene FAZ Lecture 2000.

Dieses Jahr feiern wir den 10. Jahrestag eines historischen Umbruchs. Die Ereignisse der Jahre 1989 bis 1991 haben die Welt für immer verändert. Viele Auswirkungen müssen noch verstanden werden. Aber eines ist klar: Nichts ist, wie es vorher war.

Unsere politische Führung debattiert über die äußerlichen Zeichen des Wandels. Wie sehen die neuen Beziehungen aus? Können sich die Institutionen anpassen? Wie sollen die Regierungen handeln?

Dies sind wichtige Fragen. Aber nach zehn Jahren der neuen Ära ist deutlich geworden, dass etwas sehr viel Weiterreichendes geschehen ist, das von den Regierungen nicht kontrolliert werden kann.

Der Wegfall militärischer und ideologischer Konfrontation setzte Kreativität und Ressourcen frei, die eine Technologiewelle von historischem Ausmaß nähren. Das Ende des Kalten Kriegs bescherte der Auflösung vieler bestehender Muster in Regierung und Gesellschaft zusätzliche Dynamik.

Um Vergleiche anzustellen, muss man bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts zurückblicken. Die größte Kraft damals nannte sich Kapitalismus. In Amerika sprachen wir von “Räuberbaronen”. In Deutschland verwandte man einen positiveren Begriff – Gründerzeit. Heute verwenden wir den Begriff Globalisierung. Wie man es auch nennen mag, die zugrundeliegende Ursache ist eine industrielle und gesellschaftliche/politische Revolution.

Wir haben 150 Jahre enormer Fortschritte erlebt, aber auch großer Tragödien. Keine der Großmächte des Jahres 1850 ist im Jahr 2000 eine Weltmacht. Große Reiche sind zusammengebrochen, stolze adlige Dynastien sind verschwunden. Das menschliche Leid erreichte zuvor ungeahnte Ausmaße.

In der Welt der Wirtschaft und Industrie ist nur eines der ursprünglichen Mitglieder noch Teil des Dow Jones Industrial Average. Viele Unternehmen sind ganz und gar verschwunden. Der einzige Überlebende ist General Electric, ein Unternehmen, das für seine Wandlungsfähigkeit bekannt ist.

Inmitten einer Revolution hat man nicht den besten Blickwinkel für die Beurteilung ihres letztlichen Ergebnisses. Wir hoffen allerdings doch, dass wir etwas aus den Erfolgen und Katastrophen der letzten 150 Jahre gelernt haben.

Ich würde mich gerne an einer persönlichen Zusammenfassung einiger der Lektionen versuchen, die ich für wichtig für die Zukunft halte. Insbesondere werde ich versuchen zu erörtern, wie Europa und Amerika enger zusammenarbeiten können, um die Fortführung der Erfolge der letzten 50 Jahre zu gewährleisten.

Das Dilemma des Wandels

Bei aller Verwirrung der vergangen 150 Jahre gab es doch eine Konstante – raschen und weitreichenden Wandel. Nicht alle Veränderungen waren positiv, aber ob gut oder schlecht – sie sind unaufhaltsam.

Eine zweite Konstante ist die Unvorhersehbarkeit des Veränderungsprozesses. Oft bereiten sich Länder auf die falsche Zukunft vor. Die richtigen Fragen zu stellen, ist eine der schwierigsten und wichtigsten Aufgaben.

Oft waren die Reaktionen auf den Wandel im 20.Jahrhundert von Bitterkeit und Unterdrückung gekennzeichnet. Faschismus und Kommunismus waren eine direkte Folge von irregeleiteten Bemühungen, die Veränderungen unter Kontrolle zu halten. Einfache Antworten funktionieren nie.

Diejenigen, die versuchten, Veränderungen aufzuhalten, bleiben normalerweise geschwächt zurück oder verschwinden. Diejenigen, die meinen, Stärke oder Dominanz könnten sie von den Auswirkungen des Wandels abschotten, irren sich meistens. Wir müssen in diesen Tagen nur nach Serbien blicken, um diesen Grundsatz zu bestätigen.

Der bekannte amerikanische Managementberater, W. Edward Deming, sagte einmal: “Man muss sich nicht ändern. Überleben ist keine Pflicht.”

Aber reines Überleben ist nicht genug. Der Wandel kann unser Freund sein. Die westlichen Gesellschaften gründen auf der Überzeugung, dass Fortschritte durch Wandel erreicht werden. Unsere stete Suche nach neuen Methoden hat uns geholfen, mehr Fortschritte zu erzielen als zu jeder anderen Zeit der Menschheit. Aber eben weil er so dramatisch ist, kann Wandel zu besorgniserregenden Konsequenzen führen. Die Bedeutung des Wandels verstehen zu lernen, ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.

Seit mehr als 500 Jahren sind die Nationen Europas und Nordamerikas Verfechter des weltweiten Wandels. Europa bereitete den Weg für das erste Zeitalter der Globalisierung – die weltweite Ausdehnung der europäischen Kultur durch die Kolonisierung.

Im anbrechenden 20.Jahrhundert standen zwei Nationen in den Startlöchern, neue Rollen zu übernehmen: Deutschland und die Vereinigten Staaten. Im Westen hat sich kein Land im 20.Jahrhundert stärker verändert als Deutschland und die Vereinigten Staaten.

Aber mit welch unterschiedlichen Ergebnissen! Die Amerikaner haben von der Revolution der vergangenen 150 Jahre enorm profitiert. Wir sehen der Zukunft zuversichtlich entgegen.
Deutschland erfuhr Tragödien und Niederlagen. Nachdem sie selbst eine wichtige Rolle bei der Ankurbelung der wissenschaftlichen und industriellen Revolution gespielt hatten, suchten die führenden Politiker des Landes veraltete nationalistische Antworten auf die Unsicherheiten des Wandels. Sie stellten die falschen Fragen und definierten die falschen Ziele. Tragischerweise verbrachte Deutschland einen Großteil des 20.Jahrhunderts damit, Kriege zu führen oder sich von ihnen zu erholen. Seine moralische Glaubwürdigkeit wurde zerstört und dann sorgfältig wieder hergestellt.

Als Folge dieser schwierigen Gesundung entwickelte Deutschland eine echte Freundschaft zu den Vereinigten Staaten, die über traditionelle Definitionen hinausgeht. Aber es ist eine Tatsache – unsere Erfahrungen mit dem Wandel unterscheiden sich grundsätzlich.

Die unterschiedlichen Erfahrungen mit dem Wandel sind bei der Definition einiger der momentan über den Atlantik hinweg geführten Debatten behilflich. Amerika sieht den Wandel als Werkzeug des Fortschritts.

Europäische Länder sind besorgt über die Risiken des Wandels. Hart erarbeitete Stabilität und soziale Gerechtigkeit scheinen zu wertvoll, um sie aufs Spiel zu setzen.

Gerade gegen Ende der letzten Phase der alten Konflikte des Kalten Krieges, ist es verständlich, dass viele in Europa dieser neuen und noch dramatischeren Welle des Wandels, die jetzt über uns hereinbricht, mit Vorsicht begegnen.

Die Aufgabe gestaltet sich für die Regierungen besonders schwierig. Sie haben nicht den Vorteil, sich aussuchen zu können, wen sie vertreten. Der Privatsektor kann Chancen ausmachen und aussichtslose Kandidaten ablehnen. Regierungen müssen alle Mitglieder der Gesellschaft verteidigen, besonders diejenigen, die Gefahr laufen, zurückgelassen zu werden.

Aber es ist eine Tatsache – der Anbruch der neuen industriellen Revolution stellt sowohl den Vereinigten Staaten als auch ihren europäischen Partnern schwierige, manchmal widersprüchliche Aufgaben.

Europa beginnt das Gewebe eines Kontinents wiederherzustellen, der Jahrzehntelang durch Krieg und Ideologie geteilt war. Drei große Revolutionen finden gleichzeitig statt – das Ende der Teilung Europas, das rasche Altern der Bevölkerung und der Anbruch eines neuen Technologiezeitalters. Während Regierungen unter der Last eines solchen Wandels ächzen, warten Unternehmer, Wissenschaftler und junge Menschen ungeduldig darauf, die Früchte zu ernten.

In einem Zeitalter, in dem bestehende Definitionen internationaler Beziehungen an Bedeutung verlieren, muss Amerika die Rolle als traditionelle Macht neu definieren. Wir sind gleichzeitig der Hauptakteur des Wandels und der Verfechter einer stabilen Struktur. Wir sind das Labor der Welt und der Weltpolizist.

Zunehmend werden wir mit den Widersprüchen dieser Rolle konfrontiert. Im eigenen Land betrachten viele die Schwierigkeiten, die vor uns liegenden verwirrenden internationalen Herausforderungen zu meistern, mit wachsender Ungeduld. Wir fühlen uns immer mehr mit der beschwerlichen Aufgabe alleine gelassen, eine gerechte Weltordnung zu bewahren.

Im Ausland werden unsere schwierigen Bestrebungen, Antworten auf die Herausforderungen des Wandels zu finden, häufig als amerikanische Bemühungen gesehen, sich unilateral die Kontrolle zu sichern.

Es ist – sogar in Deutschland – in Mode gekommen, Amerika als eine Art “High-Tech-Schurke” zu bezeichnen, der Verbrecher jagt, die er nicht kontrollieren kann und immer weniger dazu bereit ist, den internationalen Konsens zu akzeptieren. Die Agenda ist lang: Landminen, Klimawandel, die Rolle der Vereinten Nationen, der Internationale Strafgerichtshof, die Todesstrafe, das Gesundheitswesen und so weiter. Sogar die deutsche Regierung meint, die Vereinigten Staaten müssten mehr über die Bedeutung des Völkerrechts lernen.

Aber wie die Tragödie im Jemen kürzlich zeigte, sind wir zu oft Zielscheibe derjenigen, die sich wenig um das Völkerrecht kümmern. Und für jeden, der die amerikanische Hegemonie verdammt, scheint es zwei zu geben, die gerne eine “Green Card” hätten.

Wandel und die New Economy

Das Entstehen der so genannten New Economy verkompliziert die Dinge noch mehr. Wie am Ende des 19. Jahrhunderts ist wirtschaftliche und technologische Tüchtigkeit zur Messlatte für nationale Macht und Prestige geworden.

Wieder einmal lehrt die Geschichte einige Lektionen. Vor 100 Jahren erfreute sich Deutschland der Früchte des wirtschaftlichen Erfolgs. Die Jahresschätzungen der Stahlproduktion wurden zur Grundlage für die Definition der Machtverhältnisse zwischen Deutschland, Frankreich und England gemacht. Die deutschen Politiker versuchten, Wirtschaftswachstum in militärische Stärke umzusetzen – mit tragischen Konsequenzen.

Heute sprechen wir von Globalisierung und der New Economy. Erfolg oder Misserfolg auf dem Gebiet der Wirtschaft werden an tiefergehende Definitionen der kulturellen Stärke und sozialen Gerechtigkeit gebunden. Der verschwommene Begriff Globalisierung steht für das breite Spektrum von Hoffnung, Frustration und Wut. Demonstranten in Seattle und Prag haben womöglich Probleme, die Übel der Globalisierung zu beschreiben, wissen aber, dass sie existieren.

Werturteile werden schnell abgegeben. Anstatt unsere Fähigkeit, vom Wandel zu profitieren, zu bewundern, setzen viele diese neue wirtschaftliche Dynamik mit einer aggressiven und unsensiblen militärischen oder politischen Strategie der Vereinigten Staaten gleich.

Amerika, das Labor der Welt, wird damit fast automatisch zur “letzten verbliebenen Supermacht”, die die besonderen Interessen im In- und Ausland bedroht. Diejenigen, die Veränderungen fürchten, bewerten ihre Zögerlichkeit oft hoch, als ob die Blockierung des Fortschritts ein humaner Widerstand gegen diese hegemoniale Macht sei.

Aber es gibt eine wichtige Erkenntnis. Die Vereinigten Staaten sind nicht aufgrund militärischer Stärke oder internationalem Einfluss erfolgreich. Ihr Einfluss wächst aufgrund ihrer Fähigkeit, vom Wandel zu profitieren. Technologie ist wichtig, aber unsere Gesellschaft gewinnt ebenso sehr durch ihre offene Einwanderungspolitik, ihr hervorragendes Universitätssystem und die Nichteinmischung der Regierung in die Wirtschaft.

Die Vereinigten Staaten sind nicht stark, weil sie eine Super- oder gar eine Hypermacht sind. Ihre Stärke stammt aus ihrer “soft power”, ihrer sanften Macht, wie es der Harvard-Professor Joseph Nye beschrieb.

Hören Sie sich die Worte von Carly Fiorina an, der dynamischen Geschäftsführerin von Hewlett Packard, die Darwin sinngemäß zitiert: “Nicht der Stärkste überlebt, sondern, wer sich am besten durch Wandel anpassen kann.”

Eine weitere Schlussfolgerungen lautet, dass unsere Partner, um “gleichberechtigt” mit den Vereinigten Staaten zu bleiben, lernen müssen, von den Chancen der neuen Ära zu profitieren. Konkurrierende Machtzentren im herkömmlichen Sinn sind nicht die Antwort. Die so genannte atlantische Welt auf zwei Pfeilern wird rasch durch ein Netz ersetzt, das kein Zentrum hat.

Stagnation, nicht Hegemonie, ist die größte Gefahr unseres Zeitalters. Die Lösung besteht nicht darin, Konkurrent zu sein, sondern zu einem unerlässlichen Akteur in dem euroatlantischen Netzwerk zu werden.

War Amerika ein Fehler?

Ich komme hier wieder darauf zurück, wie wichtig es ist, die richtigen Fragen zu stellen. Was geht hier eigentlich wirklich vor? Sind die Vereinigten Staaten über den normalen Status einer Nation hinausgewachsen? Ist die Flexibilität und Erfindungsgabe der amerikanischen Gesellschaft eine Abweichung, die zu raubtierhaftem Verhalten führt?

Solche Diskussionen sind nicht neu. Jahrhundertelang waren Politiker und Gesellschaftsphilosophen aus dem Westen zwischen freudiger Erregung angesichts der neuen Horizonte und den Spannungen des raschen Wandels hin und her gerissen. Die europäische Konsensbildung und der amerikanische Enthusiasmus sind gleichermaßen gerechtfertigt. Sie sind für die ausgewogene Entwicklung unserer Gemeinschaft entscheidend. Die europäischen Erfahrungen mit der Schaffung eines Gleichgewichts zwischen historisch verwurzelten Gemeinschaften und Interessengruppen bieten wertvolle Einblicke für die komplexe, aber relativ neue amerikanische Gesellschaft. Solche Erfahrungen sind ebenso unerlässlich für die ausgewogene Entwicklung unserer Gemeinschaft wie die Dynamik der Vereinigten Staaten.

Die amerikanische Gesellschaft bildete sich aus dem Wissen, der Philosophie und den Eigenschaften Europas heraus. Indem sie europäische Ideen annahm, veränderte sie diese aber auch. Deshalb sind es üblicherweise die Europäer, die in der Neuheit Amerikas eine Bedrohung sehen.

Riesengroße Riesen und stinkende Sümpfe

Im 16. und 17.Jahrhundert waren die Europäer gefesselt von Geschichten über unglaubliche Monster, riesengroße Riesen und gnomartige Pygmäen, sich über Tausende Kilometer erstreckende Wüsten und riesige Sümpfe, aus denen gefährliche Dämpfe aufstiegen. Bis zum 18.Jahrhundert war der Großteil dieser Übertreibungen aus europäischen Texten verschwunden, aber das Misstrauen gegenüber Amerika und die Faszination sind geblieben.

“Amerika hat Europa sämtliche Quellen der Korruption beschert”

Der französische Abbé Raynal schrieb Anfang der siebziger Jahre des 18.Jahrhunderts: “Alles [in der Neuen Welt] weist die Reste einer Krankheit auf, deren Auswirkungen die menschliche Rasse noch spürt. „Die Einwohner sind noch vom Ruin dieser Welt geprägt, sie sind eine verderbte und degenerierte Art … in ihrem natürlichen Zustand … in ihrer Lebensweise … in ihrer Denkweise.”

Der schottische Historiker Robertson schrieb später: “Die gleichen Eigenschaften des Klimas in Amerika, die das Wachstum hemmten und den Geist der heimischen Tiere schwächten, erwiesen sich als schädlich für die (Menschen), die freiwillig dorthin auswanderten.”

“Ist das ein Volk, das durch Verpflanzung, durch Vermischung degeneriert wurde?”, fragte Raynal. Seine Schlussfolgerung? “Amerika hat Europa sämtliche Quellen der Korruption beschert.”

Amerika – wild und ungestüm oder schlicht, tugendhaft und klug?

Bald sahen nicht nur Naturalisten und Historiker, sondern auch Merkantilisten und Physiokraten (“Land ist die Quelle allen Reichtums”) in Amerika ein perfektes Forum für ihre Debatten. Philosophen erkannten schnell, dass sie Amerika nutzen konnten, um jede erdenkliche Theorie zu beweisen oder zu widerlegen.

“In Amerika habe ich mehr gesehen als Amerika” So dienten viele der Diskussionen über Amerika in Wirklichkeit als Deckmantel für interne europäische Debatten im heiklen Zeitalter der Zensur, der Bastille und der Inquisition.

Die Historiker Commager & Giordanetti schreiben: “Amerika anzugreifen oder zu verteidigen war eine Methode, die Übel der Regierung, der Wirtschaft und der Gesellschaft in der Alten Welt zu kritisieren. … Wenn man den Sklavenhandel angreifen wollte, konnte man die Sklaverei in Amerika angreifen; … wollte man die Kirche verhöhnen – was gab es Besseres, als die Geschichte ihrer Missetaten in Amerika zu zitieren; … wollte man beweisen, dass Wirtschaft, Handel und Kolonien Teil einer Verletzung der natürlichen Ordnung der Dinge waren, gab es Amerika als Beweis für dieses Argument.”

Oder, in den präziseren Worten von De Toqueville, “In Amerika habe ich mehr gesehen als Amerika.”

Existiert Europa noch?

Ein Großteil der Debatte in Europa spricht ähnliche Unsicherheiten bezüglich zahlreicher verschiedener Einflüsse an. Ein aus dem Kalten Krieg hervorgehendes Europa findet es schwierig, Ziele und Identität zeitgleich mit den raschen Veränderungen der Globalisierung auszumachen.

Zur gleichen Zeit, in der sich Deutschland der Wiederherstellung der Nation erfreut, werden nationale Grenzen weniger wichtig. Genau zu der Zeit, in der Europa beginnt, wieder Bande über die ehemalige Trennungslinie zwischen Ost und West zu knüpfen, geht die Bedeutung von Europa als Ort in eine größere, globalisierte Welt ein.

Am wichtigsten ist vielleicht Folgendes: Während die Europäer versuchen, eine gemeinsame Vision und Rolle für sich als Bewohner aneinander angrenzender geografischer Regionen zu definieren, bieten weder die physischen noch die politischen Grenzen Europas eine ausreichend große Bühne, von der aus man die Ziele der europäischen Völker verfolgen kann.

Meiner Ansicht nach ist das eine große, vielleicht existenzielle Herausforderung. Als die Wiege eines Großteils des modernen philosophischen, wissenschaftlichen und politischen Denkens ist Europa der Verwalter des Vermächtnisses der modernen Demokratie. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Europa fast 400 Jahre lang die originäre Quelle der Globalisierung war. Seine Forscher, seine Ideale und seine praktischen Errungenschaften veränderten die Welt für immer.

Aber was ist dieses Europa, über das wir sprechen? Wenn Amerika nicht mehr in der herkömmlichen Sprache von Souveränität und Macht definiert werden kann, dann kann auch Europa nicht einfach als die Welt innerhalb seiner Grenzen angesehen werden – wo immer sie verlaufen mögen. Meines Erachtens geht es bei einem Großteil der heutigen Debatte über die Zukunft Europas in Wirklichkeit um den tiefgreifenden und schmerzlichen Prozess des Wandels, der jetzt die Welt vereinnahmt.

Aus dieser Perspektive stimme ich voll und ganz mit Außenminister Fischer überein, der für eine neue Definition des Atlantizismus eintritt. Diese Definition sollte jedoch einen Schritt über die traditionelle Diskussion der Geografie, Kultur und Rolle Europas und Amerikas hinausgehen.

Wer eine so genannte gleichberechtigtere Partnerschaft fordert, begreift in gewisser Weise das Wesentliche nicht. Ein aktuelleres Ziel bestünde darin, die internen Mechanismen der organischen Partnerschaft zu verstehen, die seit nahezu 400 Jahren über den Atlantik hinweg besteht.

Der Imperativ der Verantwortung

Die uns konfrontierenden Herausforderungen sind in zunehmendem Maße allen westlichen Gesellschaften gemein; häufig haben diese Probleme globale Dimensionen. Einwanderung und Auswanderung, alternde Bevölkerungen und damit in Verbindung stehende Themen wie Rentenreform, Erderwärmung, Energie, Umweltzerstörung oder -schutz und Krankheiten sind Probleme und Themen, die uns in den kommenden Jahrzehnten zum Handeln und zu schwierigen Entscheidungen zwingen werden.

Die Vereinigten Staaten und die europäischen Nationen sehen diese Herausforderungen häufig aus unterschiedlicher Blickwinkeln. Wir werden keine rein amerikanischen oder rein europäischen Lösungen finden. Stattdessen müssen wir Lösungen suchen, die eine Synthese unserer gemeinsamen Prinzipien und unserer einzigartigen historischen Erfahrungen sind.

Wir haben in den vergangenen Jahren große Fortschritte dabei erzielt, diese Herausforderungen auszumachen. Wir verstehen jetzt, dass selbst anscheinend innenpolitische Themen wie die Rentenreform umfassendere Auswirkungen haben. Das heißt nicht, dass wir homogenisieren – danach streben müssen, eine Wirtschaft, eine Kultur oder einen politischen Prozess zu schaffen. Es heißt jedoch, dass die Entscheidungen eines Landes für gewöhnlich die Interessen anderer Länder betreffen.

Wie wir mit unserem Rentensystem umgehen, kann beispielsweise größere Auswirkungen auf die Finanzmärkte der Welt haben. Oder wenn die europäische Landwirtschaftspolitik nicht in Einklang mit weltweiten Standards gebracht wird, könnten die Einkommen und die Ernährung in den Ländern der Dritten Welt gleichermaßen leiden.

In den Zeiten des Kalten Kriegs diskutierten die NATO-Mitgliedstaaten die so genannte Lastenteilung. Die Vereinigten Staaten fanden es oft unfair, dass sie die überwältigende Last der Militärausgaben trugen. Europa wiederum argumentierte, da Amerika alle Entscheidungen sowieso im Alleingang treffe, könne es genauso gut für das Privileg zahlen.

Das führt zu dem, was ich als den Imperativ der Verantwortung bezeichnen würde. Europa mag vielleicht nicht über so viele Ressourcen wie die Vereinigten Staaten verfügen, aber es kann zweifelsohne das Gefühl für die Vision und Verantwortung wiedergewinnen, das es in die Lage versetzte, vor über 400 Jahren die erste Ära der Globalisierung einzuleiten.

Dieses Verantwortungsgefühl beinhaltet das automatische Verständnis, dass eine Regierung oder ein Verbund von Regierungen Strategien entwerfen wird und muss und die Verantwortung für die Bewältigung wichtiger Herausforderungen trägt.

Die Kriege des 20.Jahrhunderts und die überwältigende Rolle der Vereinigten Staaten haben diesen Imperativ der Verantwortung seitens vieler Europäer geschmälert.

Das Gefühl einer ungerechten Partnerschaft muss zwangsläufig entstehen, wenn die Initiative immer von den Vereinigten Staaten ausgehen soll.

Obwohl einige das denken, gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Trend zu Isolationismus. Es geht allerdings wachsende Frustration mit der Erkenntnis einher, dass immer wir die Last tragen müssen. Ein stärkeres Gefühl der Beteiligung unserer Bündnispartner ist wahrscheinlich der wichtigste Schritt, den wir unternehmen könnten, um eine so genannte gleichberechtigte Partnerschaft aufzubauen.

So weit so gut. Aber jetzt besteht auch die Gefahr, dass unsere unterschiedlichen Erfahrungen unsere Fähigkeit beinträchtigen könnten, dieses Gefühl gemeinsamer Verantwortung zu schaffen.

In Amerika könnten unsere Erfolge zu Selbstzufriedenheit führen – dass wir die notwendige Entwicklung von Prozessen für den Umgang mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen zu lange hinausschieben.

Europa muss den Fallstrick umgehen zu glauben, es müsse sein eigenes Haus in Ordnung bringen, bevor es sich in dieser neuen Welt vollständig engagieren kann. Und wie ich bereits ausgeführt habe, sieht sich Europa der Gefahr gegenüber, dass die Europäer die mit der Globalisierung in Zusammenhang stehenden, sich abzeichnenden Prozesse eher als eine Bedrohung denn als Chance ansehen werden.

Es gibt keinen perfekten amerikanischen Weg zum Erfolg. Und es gibt keinen perfekten Weg zu einem freundlicheren und sanfteren Europa, das die Verheerungen des Wandels vermeiden kann. Ich stimme mit Außenminister Fischer überein, der die aktuelle Phase der europäischen Geschichte mit der Debatte über die Federalist Papers in den USA vergleicht.

Der Prozess wird kompliziert sein, aber man sollte nicht ignorieren, was andernorts geschieht.
Stattdessen müssen wir mehr tun, um die besten Praktiken der einzelnen Regionen in unserer Gemeinschaft anzupassen, wenn unser gemeinsamer Organismus “Transatlantica” – ein von dem Unternehmensberater Herman Simon geprägter Begriff – prosperieren soll. Europa muss sein Gefühl des sozialen Konsenses nicht ablegen – aber es sollte auch nicht einen gesellschaftlichen Moralanspruch als Barriere gegen Wandel aufbauen. Amerika sollte weiterhin dynamisch und offen für Wandel sein, aber es sollte Wandel nicht zu einer Ideologie hochstilisieren.

Heute könnten europäische Unternehmen durch die mangelnde Flexibilität des Arbeitsmarkts und die relativ langsame Anpassung neuer Technologien in ihrem Heimatland zurückgehalten werden, — aber sie sammeln wertvolle Erfahrungen beim Umgang mit den kulturellen und politischen Aspekten enormer Veränderungen. Amerikanische Unternehmen sehen sich andererseits nicht den gleichen Herausforderungen gegenüber. Richtig ist, dass sich die amerikanische Gesellschaft rasch an das sich wandelnde technologische Umfeld angepasst hat. Mit den Themen, denen Unternehmen zurzeit in Europa gegenüberstehen, werden jedoch in den kommenden Jahren auch die amerikanische Gesellschaft konfrontiert werden.

Mit anderen Worten, auf beiden Seiten des Atlantiks arbeiten wir an einem organischen Ansatz zu dieser Dynamik des Wandels. Unsere Gemeinschaft “Transatlantica” benötigt sowohl Dynamik als auch Reflexion. Wir müssen mit revolutionären Veränderungen vorwärts stürmen und ihre Auswirkungen sorgfältig erwägen. Europa und Amerika sollten sich gemeinsam verantwortlich fühlen, dieses Gleichgewicht zu erlangen.

Die Rolle des Privatsektors

Ich behaupte nicht, dass es eine strikte Rollenteilung in diesem Prozess geben sollte. Ich glaube nicht, dass es ein freundlicheres oder sanfteres Europa gibt oder dass Amerika das Monopol für Innovation hat. Aber Geschichte, Geografie und Erfahrung bringen selbst in eng verbundenen Ländern unterschiedliche Ergebnisse hervor.

Der Privatsektor wird immer mehr zum Labor für die Erprobung dieser Erfahrungen. In den vergangenen fünf Jahren wurde offensichtlich, dass ein Großteil der grundlegenden Anpassung an unsere neue Situation außerhalb der “offiziellen” Regierungs- oder politischen Kanäle stattfindet. Das gilt nicht nur für die Anpassung an neue Techniken, sondern auch für neue Arbeitsmethoden, entstehende Konzepte der Unternehmensführung, internationale Standards im Rechnungswesen und so weiter.

Unternehmen entwickeln sich in der Tat rasch zu globalen Gebilden. Nationalität und das Konzept eines “Hauptsitzes” sind die Instrumente für eine aufregende Vielzahl von Aktivitäten, Völkern und Projekten.

Der Nationalstaat verschwindet nicht. Nationale Kulturen sind weiterhin stark vertreten. Während politische Grenzen weniger wichtig werden, wird das Kriterium für den Aufbau von “soft power” nicht nationale Souveränität sein. Es wird diese an Verdienst orientierte Kultur sein, die die Stärken und Schwächen der jeweiligen Kulturen noch offensichtlicher macht. Mit dem Verschwinden offizieller politischer Grenzen nimmt die kulturelle Differenzierung zu. Der Privatsektor bietet neue Plattformen für die zunehmende Bedeutung von Kultur und Gesellschaft.

Aber wenn diese Analyse richtig ist, heißt das, dass Unternehmen ihren Standort auch zu solchen Kulturen verlagern, die die besten Erfolgschancen bieten. Die Frage lautet jetzt nicht, ob Regierungen versuchen sollten, moderne Unternehmen zu kontrollieren, oder ob Unternehmen Regierungsfunktionen übernehmen – Ängste, die unter anderem bei multilateralen Treffen der Welthandelsorganisation, des Globalen Wirtschaftsforums in Davos oder des IWF zum Ausdruck gebracht wurden – sondern vielmehr sollte man sicherstellen, dass die Politiker und Wirtschaftsvertreter ihre sich abzeichnende Rolle verstehen – und bei der Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen zusammenarbeiten.

Transatlantische Unternehmen sind zweifelsohne die Gewinner dieses Zeitalters. Vor allem deutsche Unternehmen mit transatlantischen Interessen haben viel getan, um sich für unsere integrierte Welt fit zu machen – und von konstruktivem Wandel zu profitieren. Viele dieser Firmen haben in Amerika Erfolg gehabt, weil sie auf ihre europäischen Stärken zurückgegriffen haben, und wurden in ihrer Heimat noch erfolgreicher, weil sie aus ihren in Amerika gemachten Erfahrungen gelernt haben.

Das “Labor des Privatsektors” hat Deutschland geholfen, sich rasch an viele neue Bedingungen anzupassen. Denken Sie an die: energischen Bestrebungen der Wirtschaft, die Internet-Ausbildung durch die D21-Initiative zu fördern, mit den Gewerkschaften und Politikern an der Rentenreform oder mit den Regierungen auf der anderen Seite des Atlantiks zusammenzuarbeiten, um durch den multinationalen Industrieausschuss für Internet- und E-Commerce-Standards (GBDe) einen gemeinsamen Ansatz zum E-Commerce zu definieren.

Oder denken Sie an die Erfolge der deutschen Industrie bei der Anwendung von Mikroelektronik in der Automobilproduktion und bei Werkzeugmaschinen. Deutschland ist der weltweit führende Hersteller von umweltfreundlichen Produktionsanlagen. Seine Ingenieure sind immer noch die weltweit besten.

Aber selbst im Privatsektor bringt der rasche Wandel Belastungen mit sich. Neue Konzepte wie shareholder value oder transparentere Abrechnungssysteme oder selbst das amerikanische Rechts- und Regulierungssystem verursachen Frustration und sogar Ärger in der deutschen Geschäftswelt. Ein neuer Begriff – „Corporate Governance” – ist in der deutschen Sprache aufgetaucht und hat das Potenzial für eine echte Revolution in der Art der Führung der deutschen Wirtschaft. Dialog wird unerlässlich sein, wenn diese Unsicherheiten überwunden werden sollen.

Deutschlands besondere Rolle

Vielleicht mehr als jede andere europäische Nation kann Deutschland von diesen Lektionen profitieren, während es darauf hinarbeitet, seine eigene sich wandelnde Rolle in der Welt zu verstehen und zu definieren. Ebenso wie die Vereinigten Staaten ist Deutschland ein Land, bei dem Vision eine wichtigere Rolle spielt als Staatsgebiet. Deutschland hat durch die Öffnung seiner Kultur für alle, die sich daran beteiligen wollten, prosperiert. Es ist tief gefallen, als es seine Kultur zum allgemein gültigen Gesetz erklärte, das alle befolgen sollten.
Als stärkste und einflussreichste europäische Nation kann Deutschland der Rolle Europas auf der Welt Inhalt und Richtung verleihen. Ein dynamisches und sicheres Deutschland wird gewährleisten, dass sich ein pragmatisches und verantwortungsbewusstes Europa entwickelt.
Ein positives und zuversichtliches Deutschland wird zum Entstehen eines positiven und zuversichtlichen Europas beitragen.

Der Schlüssel liegt in der Einstellung. Wenn Deutschland seinen Horizont auf die Perfektion eines inneren Gleichgewichts in Europa beschränkt, wird es auf ewig ein Gefangener seiner Vergangenheit sein. Deutschland kann seine Stärke nutzen, um Europa aus der Zwangsjacke der Geografie heraus zu einem modernen, offenen Ansatz gegenüber einer viel größeren Welt zu führen.

Europa ist ebenso sehr eine Idee wie ein Ort …

Das war die Botschaft von Präsident Clinton, als er in diesem Jahr den Karlspreis erhielt: “Europa ist ebenso sehr eine Idee wie ein Ort… Europäer haben den Rest der Welt verändert – durch Unternehmergeist, Fantasie und ihre Fähigkeit zu Wachstum – Eigenschaften, die die Identität Europas immer sehr viel genauer beschreiben werden als es ein Kartograf je könnte.”

Jetzt, da die Geografie vielfach keine Rolle mehr spielt, besteht nach meiner Ansicht die Herausforderung für Deutschland und Europa darin, die Stärke ihrer Ideen und ihres Unternehmensgeistes zu nutzen – und das Entstehen von Strukturen zu gestatten, die diese Ideen Wirklichkeit werden lassen. Durch die Projektion ihrer Ideen, durch den Aufbau eines Verantwortungsgefühls kann der Wandel unser Freund sein, und Europa kann seinen Platz mit Amerika als Partner in der Führung in dem vor uns liegendem neuen Zeitalter einnehmen.

Vielen Dank.

Die globale Wirtschaftslage und ihre Auswirkungen auf die Vereinigten Staaten

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Finanzministers Lawrence Summers vor der National Governors Association in Milwaukee, Wisconsin, vom 4. August 1998.

Ich möchte den Großteil meiner heutigen Ausführungen auf die Erörterung der globalen Wirtschaftslage, der Reaktion der Vereinigten Staaten darauf und der unerläßlichen Rolle des IWF bei dieser Reaktion verwenden. Ich werde mit einigen Worten zu den Gegebenheiten hier in Amerika beginnen.

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Globalisierung und Internationalisierung

BONN – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Michael C. Polt, bei der Wehrtechnik-Konferenz am 5. März 1998 in Bonn.

Ich freue mich über die Gelegenheit, heute an diesem Forum teilnehmen zu dürfen und bin besonders dankbar, daß Sie mir sozusagen das letzte Wort gegeben haben.

Ich werde nicht versuchen, den heutigen Nachmittag zusammenzufassen, an dem Sie eine Vielzahl sehr interessanter Gedanken und Ideen über einige der detaillierten Fragen transatlantischer Sicherheit spezifisch zum Thema Rüstung und Rüstungsmarkt gehört haben.

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Wachsende Akzeptanz des marktwirtschaftlichen Kapitalismus

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Anhörung des Vorsitzenden des Zentralbankrats, Alan Greenspan, vor dem Bewilligungsunterausschuß des Senats für Transaktionen im Ausland vom 3. März 1998.

Das globale Finanzsystem hat sich in den vergangenen Jahren rasch entwickelt. Neue Technologien haben die Kosten von Kreditaufnahme und -vergabe über herkömmliche nationale Grenzen hinweg drastisch verringert und die Entwicklung neuer Instrumente sowie die Einbeziehung neuer Akteure erleichtert. Informationen werden augenblicklich auf der ganzen Welt übermittelt, und enorme Verlagerungen bei Angebot und Nachfrage nach Finanzmitteln sind eine natürliche Folge und führen zu einer massiven Zunahme der Kapitalflüsse.

Dieses aufstrebende globale System hat sich als äußerst effiziente Struktur erwiesen, die den Handel mit Waren und Dienstleistungen über Grenzen hinweg beträchtlich erleichtert und entsprechend einen maßgeblichen Beitrag zum Lebensstandard weltweit leistet. Seine Effizienz deckt jede mögliche wirtschaftliche Unvorsichtigkeit rasch und entschieden auf und bestraft sie. Bedauerlicherweise scheint es auch die Übertragung von finanziellen Turbulenzen sehr viel effektiver als je zuvor erleichtert zu haben.

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Globalisierung und Diplomatie – Teil 1

(AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Stellvertretenden Außenministers Strobe Talbott. Copyright Copyright 1997 Carnegie Endowment for International Peace. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Foreign Policy, Herbst 1997.

Es war früher Morgen am Montag, dem 4. Oktober 1993, als sich in Moskau neue Probleme zusammenbrauten. Panzer hatten das Weiße Haus umstellt, das riesige Parlamentsgebäude am Ufer der Moskva, in dem sich die Abgeordneten des Obersten Sowjet – einige schwer bewaffnet – dem Befehl Boris Jelzins zuwider, die Legislative aufzulösen und Neuwahlen anzuberaumen, verschanzt hatten. Nur Stunden zuvor hatten bewaffnete Aufrührer das Büro des Moskauer Bürgermeisters und die wichtigste Fernsehstation der Stadt angegriffen.

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