Clinton würdigt das Vermächtnis des Zweiten Weltkriegs – Frieden und Hoffnung

WASHINGTON – (AD) – Präsident Clinton hat die Amerikaner dazu aufgefordert, sich von der Generation des Zweiten Weltkriegs, “die den Krieg gewann und anschließend sicherstellte, daß wir den Frieden nicht verloren”, inspirieren zu lassen.

Bei militärischen Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestags des Sieges der Alliierten in Europa (Victory in Europe Day, V-E Day) hob der Präsident hervor, die Amerikaner jener Generation hätten die Wirtschaftskrise überwunden und im blutigsten Krieg der Weltgeschichte die Oberhand gewonnen.

“Aufgrund all dessen, was Sie getan haben, lebt unsere Nation in einem Augenblick der Hoffnung und in Frieden”, erklärte er den in Fort Myer in Arlington (Virginia) versammelten Veteranen.

Clinton hielt die Rede kurz vor seiner Abreise nach Moskau, wo er an den Feierlichkeiten aus Anlaß der Beendigung des “Großen Vaterländischen Krieges” – wie er in der Sowjetunion genannt wird – teilnahm, in dem 27 Millionen sowjetische Soldaten und Zivilisten getötet wurden.

Die Veteranen “haben uns die wichtigste Lektion gelehrt: Daß wir uns gegen die Kräfte der Dunkelheit durchsetzen können und daß wir uns gegen sie durchsetzen müssen. Daher stehen wir in Ihrer Schuld”, äußerte der Präsident, dessen Rede wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

 

Ich danke Ihnen, Oberst McIntosh, für Ihre bemerkenswerten Worte und Taten. General Shalikashvili, Minister Perry, Minister Brown, Pater Sampson, meine Damen und Herren Kongreßabgeordnete, verehrte Mitglieder der Streitkräfte, verehrte Gäste und amerikanische Veteranen. Insbesondere begrüße ich unsere Ehrengäste, die Veteranen des Zweiten Weltkriegs.

Auf den Tag genau vor fünfzig Jahren verstummten in Europa die Waffen. Ein langer Schatten, der auf den gesamten Kontinent gefallen war, wich von ihm. Die Krieger der Freiheit jubelten. Heute, fünfzig Jahre später, kommen wir zusammen, um uns ihres Triumpfs zu erinnern, ihrer Opfer zu gedenken und uns erneut den Idealen zu verschreiben, für die sie kämpften und für die so viele von ihnen starben.

Bis zum V-E Day hatten von den Stränden an der Normandie bis zu den Toren Moskaus ungefähr 40 Millionen Menschen ihr Leben gelassen. Hinter diesen enormen, aber unpersönlichen Zahlen verbargen sich Millionen und Abermillionen persönlicher Tragödien: Soldaten wurden erschossen und von Kriegsgerät in Stücke gerissen, Kriegsgefangene starben an Hunger und Krankheit, Kinder wurden unter den Trümmern ausgebombter Gebäude begraben, ganze Familien wurden lediglich aufgrund ihrer Herkunft ausgemerzt. Und durch jeden Tod wurden noch mehr Menschen physisch und emotional verwundet. Sie überlebten, aber ihr Leben wurde nie mehr wie früher.

Bei Kriegsende wurde ein achtjähriger Junge, bereits ein Veteran von Bombenangriffen und Schutzbunkern, gefragt, was er als Erwachsener sein wollte. Seine Antwort bestand aus einem Wort: “Lebendig”.

Das amerikanische Volk, das sicher auf unserem Kontinent lebte und durch die Erinnerungen an den letzten Krieg ernüchtert war, war nicht begierig, sich an dem Kampf zu beteiligen. Es wurde jedoch durch den außerordentlichen Mut der Briten aufgerüttelt, die in Europas dunkler Nacht ganz alleine die leuchtende Fackel der Freiheit hochhielten. Getrieben von der leidenschaftlichen Sehnsucht nach Freiheit, angespornt von der klugen Führung Präsident Roosevelts und letztlich provoziert durch die Niedertracht von Pearl Harbor zogen die Amerikaner in den Krieg.

Es wurde eine alles verzehrende Anstrengung. Millionen wurden hier an der Heimatfront zu Helden. Sie bauten die Flugzeuge, die Schiffe, die Panzer, die Lastwagen, die die Alliierten Streitkräfte in die Schlacht brachten. Sie kauften Staatsanleihen, um den Krieg zu finanzieren. Sie sammelten Alteisen zur Waffenherstellung, abgenutztes Gummi zur Reifenproduktion, Fettreste für Explosivstoffe, und 20 Millionen Menschen legten ihren eigenen Gemüsegarten an, um die Nahrungsmittelversorgung der Nation zu sichern.

Frohen Mutes brachten sie Opfer, rationierten Nahrungsmittel und Kleidung und beschränkten sich auf 11 Liter Benzin pro Woche. Und Präsident Roosevelt gab ihnen den Willen, weiterzumachen. “Es gibt eine Front und eine Schlacht”, erklärte er, “wo jeder in den Vereinigten Staaten – jeder Mann, jede Frau und jedes Kind – in Aktion ist. Diese Front ist hier in der Heimat.”

Jenseits des Ozeans widmeten ihre Väter und Brüder, Mütter und Schwestern, Freunde und Nachbarn die besten Jahre ihres Lebens diesem schrecklichen Krieg. Einige von ihnen gehörten zu den größten Führungspersönlichkeiten unseres Landes und der Welt: Eisenhower, Marshall, Bradley, Patton. Aber ungeachtet des Dienstgrads war jeder Soldat, Flieger, Marineinfanterist, Matrose, jedes Mitglied der Handelsmarine, jede Krankenschwester, jeder Arzt ein Held, der das Banner der Gerechtigkeit in die Schlacht für die Freiheit trug.

Einige von ihnen befinden sich heute unter uns. Der Herr, der mich begrüßte, Frederick McIntosh, war damals Leutnant der Luftwaffe. Er flog, wie bereits erwähnt, 104 Einsätze. Seine wagemutigen Bombenangriffe im Sturzflug am D-Day trugen dazu bei, den Weg für die Landung der Alliierten in der Normandie zu bereiten.

Ein anderer Veteran hinter mir, Robert Katayama, war Soldat in der japanisch-amerikanischen 442. Regimentskampfgruppe, die nach fünfmonatigen heftigen Angriffen endlich die deutschen Linien in Italien durchbrach.

Anna Connelly Wilson war Krankenschwester und pflegte die amerikanischen Soldaten, die Kraftstoff und Munition durch die iranische Wüste zu unseren russischen Verbündeten beförderten.

Abben MaGuire, ein Sprengstoffexperte der Marine, landete noch vor dem Angriff der Alliierten an der Omaha Beach und beseitigte unter heftigem Beschuß durch den Feind Minen, Stacheldraht und Sprengladungen.

George Ellers, Seemann auf den Booten der amerikanischen Küstenwache, war für den Schutz der Schiffe der Handelsflotte zuständig, die Nahrungsmittel und Nachschub von Amerika nach Europa und in andere Regionen beförderte.

Joseph Kahoe, Leutnant des ausschließlich aus Afroamerikanern bestehenden 761. Panzerbataillons, trotzte der tödlichen Kälte der Ardennen und den brutalen Gegenangriffen der Nazis, womit er zum Sieg in der Ardennenschlacht beitrug.

Pater Francis Sampson, ein Armeepriester, sprang mit dem Fallschirm über der Normandie und anschließend über Holland ab, wurde verwundet, geriet in Gefangenschaft und konnte fliehen.

Aus ihrer Tapferkeit und der all ihrer Brüder und Schwestern in Uniform bezog Amerika den Willen, die Kräfte des Faschismus zu besiegen. Und heute sagen wir, die Söhne und Töchter ihres Opfergangs, ihnen Dank und würdigen sie.

Ich bitte jetzt die Veteranen des Zweiten Weltkriegs, sich zu erheben, damit wir sie ehren können.

Während der letzten Wochen des Krieges befreiten die amerikanischen Streitkräfte in ganz Europa kleine Dörfer und große Städte von einem langen Alptraum. Viele waren Zeuge überschäumender Liebe und Dankbarkeit, an die sie sich für den Rest ihres Lebens erinnern sollten.

In Bayern steuerte der Obergefreite Bill Ellington sein gepanzertes Fahrzeug in eine Schlacht gegen die zurückweichenden feindlichen Truppen. Während des Gefechts rannte ein spindeldürrer Teenager auf den Panzer zu. Es war ein junger polnischer Jude, Samuel Pisar, der vier Jahre Auschwitz und andere Konzentrationslager überlebt, dabei jedoch seine gesamte Familie verloren hatte. Samuel Pisar hatte den Panzer und seinen großartigen fünfzackigen weißen Stern von seinem Versteck in einer Scheune aus gesehen.

Als Ellington auf ihn hinunterschaute, fiel der Junge auf die Knie und wiederholte immer wieder die wenigen englischen Worte, die ihn seine Mutter gelehrt hatte: “Gott schütze Amerika. Gott schütze Amerika.” Und Ellington, der Sohn eines Sklaven, hob den Jungen auf und brachte ihn durch die Luke des Panzers in die warme Umarmung der Freiheit.

Bill Ellington starb vor einigen Jahren. Aber Samuel Pisar, jetzt amerikanischer Staatsbürger, ist heute unter uns. Und ich möchte ihn bitten, aufzustehen, um uns daran zu erinnern, worum es bei diesem Krieg ging.

Die Saga der Hoffnung entstand aus der Asche eines Schreckens, der immer noch über unser Vorstellungsvermögen hinausgeht – die Konzentrationslager der Nazis. Die Gaskammern und Krematorien waren ein Beweis für die unendliche Fähigkeit des Menschen, Böses zu tun. In den leeren Augen der zu Skeletten abgemagerten Überlebenden war eine Frage, die bis heute nicht beantwortet wurde: Wie konnte das geschehen?

Um 2.40 Uhr am 7. Mai unterzeichneten die Deutschen in einer kleinen Schule in Frankreich ihre bedingungslose Kapitulation. Der Waffenstillstand trat am nächsten Tag in Kraft – vor genau 50 Jahren.

Die Nachricht vom Sieg verbreitete sich und schwoll von einem Rinnsal der Aufregung zu einem Strom der Freude an. Die befreiten Hauptstädte Westeuropas schäumten über vor Erleichterung und Jubel. Die Boulevards waren voll von fahnenschwenkenden dankbaren Feiernden, die Tränen in den Augen hatten. Überall nahmen die Menschen ihre Vorhänge ab, die zur Verdunklung gedient hatten, und ließen das Licht des Friedens scheinen.

Am Himmel über Moskau erleuchteten gigantische weiße Lichtstrahlen aus riesigen Projektoren die Dunkelheit der Nacht, und in der Stadt waren 1.000 Salutschüsse zu hören. Auch dort strömten Millionen Menschen auf die Straßen. Ihre Freude wurde jedoch getrübt von dem einzigartigen Opfer, das ihre Nation gebracht hatte: Jeder achte sowjetische Bürger starb im Zweiten Weltkrieg. 27 Millionen Menschen. An fast jedem Tisch in jedem Haus war ein leerer Platz.

In London, wo ein tapferes und wagemutiges Volk die dunkelsten Stunden des Krieges alleine durchgestanden hatte, erleuchteten große Freudenfeuer die Stadt. Und auf dem Balkon des Buckingham-Palastes brachte Premierminister Churchill die freudetrunkene Menge mit seinem eigenen Schweigen zum Verstummen. Dann machte er eine einzige, tiefe Verneigung vor allen, und die Menge stimmte ein Triumpfgeschrei an. “Dies ist Euer Sieg”, erklärte Churchill. Und die Einwohner Großbritanniens antworteten mit einer Stimme: “Nein, es ist Deiner”. Natürlich hatten beide recht.

Hier bei uns wurden das Washington Monument, die Kuppel des Kapitols, die Freiheitsstatue erstmals seit Pearl Harbor wieder angestrahlt. In New York war es, als wäre gleichzeitig Silvester und Unabhängigkeitstag. Millionen jubelten, jauchzten, sangen, tanzten auf der Straße. Ein Bild ging um die Welt von einem Matrosen, der eine Krankenschwester in den Arm nahm und küßte – mit dem aufgestauten, jugendlichen Enthusiasmus eines Volkes, das einen Augenblick lang die neuen Lasten des Erwachsenseins vergaß.

Weniger als einen Monat nach seiner Amtsübernahme wandte sich Präsident Truman an die Nation und erklärte: ” Dies ist eine feierliche, aber ruhmreiche Stunde. Ich wünsche nur, Franklin Delano Roosevelt hätte diesen Tag erleben können.” Millionen von Amerikanern waren ebenfalls dieser Meinung, denn in ihrer dunkelsten Stunde hatte sich Präsident Roosevelt geweigert, uns der Verzweiflung zu überlassen und aufzugeben. Er mobilisierte die Amerikaner, die Wirtschaftskrise zu bekämpfen und im Krieg zu triumphieren. Und somit war es auch sein Sieg.

Es war Amerikas Sieg, aber unsere Arbeit war noch nicht vollendet. Im Pazifik ging der Krieg weiter. Während der drei Monate zwischen dem V-E Day und dem Tag des Siegs über Japan (Victory in Japan, V-J Day) verloren Tausende weiterer Männer und Frauen in Uniform ihr Leben. Wer hätte das amerikanische Volk dafür verurteilen können, daß es nach der Kapitulation Japans von der Front in die Heimat zurückkehren wollte? Nachdem sie den schwierigsten und entscheidendsten Sieg in der Geschichte unserer Nation errungen hatten, waren unsere führenden Politiker jedoch entschlossen, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.

Vielmehr gingen sie mit neuer Zuversicht an die neuen Herausforderungen heran. Diese bemerkenswerte Generation von Amerikanern schuf durch die NATO, die Vereinten Nationen und den Marshallplan die Institutionen und stellte die Ressourcen und die Vision bereit, die dem Westen ein halbes Jahrhundert der Sicherheit und des Wohlstands bescherten und unsere ehemaligen Gegner zurück ins Leben brachten und zu einer echten Partnerschaft mit uns führten.

Ihre besondere Entschlossenheit und militärische Stärke hielt den Totalitarismus in Schach, bis die Macht der Demokratie, das Scheitern des Kommunismus und die heroische Entschlossenheit der Menschen, die Freiheit zu erlangen, im Kalten Krieg die Oberhand gewannen.

Heute müssen wir uns von der außergewöhnlichen Generation inspirieren lassen, die wir heute ehren. Eine Generation, die den Krieg gewann und anschließend sicherstellte, daß wir nicht den Frieden verloren. Eine Generation, die verstand, daß unser Schicksal untrennbar mit dem anderer Nationen verbunden ist. Eine Generation, die überzeugt war, daß mit unserem großen Wohlstand, unserer großen Macht und den großen Segnungen demokratischer Freiheit auch große Verantwortung einhergeht, für das Wohlergehen aller einzutreten und zu arbeiten.

Daher möchte ich der Generation, die den Zweiten Weltkrieg gewann, an diesem 50. Jahrestag im Namen des amerikanischen Volkes nochmals danken. Haben Sie Dank und Gott schütze Sie. Aufgrund all dessen, was Sie getan haben, lebt unsere Nation in einem Augenblick der Hoffnung und in Frieden. Erstmals seit Anbruch des Atomzeitalters sind keine russischen Raketen auf unsere Kinder gerichtet. Unsere Wirtschaft ist stabil. Und da freie Märkte und Demokratie jetzt weltweit auf dem Vormarsch sind, haben mehr Menschen als je zuvor die Chance, ihre von Gott gegebenen Talente zum Tragen zu bringen. Alles aufgrund dessen, was Sie vor 50 Jahren taten.

Es gibt jedoch eines, das selbst Sie nicht tun konnten, das keine Generation je bewirken kann. Sie konnten nicht die Kräfte der Dunkelheit aus der Zukunft verbannen. Wir werden jetzt auf unterschiedliche Weise mit ihnen konfrontiert – weltweit und bedauerlicherweise hier zu Hause. Aber Sie haben uns die wichtigste Lektion gelehrt: Daß wir uns gegen die Kräfte der Dunkelheit durchsetzen können und daß wir uns gegen sie durchsetzen müssen. Daher stehen wir in Ihrer Schuld. Das ist Ihr einzigartiges Vermächtnis an uns – und das sind wir künftigen Generationen bemerkenswerter Amerikaner schuldig. Danke, daß Sie uns diese Lektion gelehrt haben. Gott schütze Sie und Gott schütze Amerika.