Kriegsende ist Sieg des menschlichen Geistes

BERLIN – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Vizepräsident Al Gore am 8. Mai 1995 beim Staatsakt im Berliner Schauspielhaus aus Anlaß des 50. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkriegs vor führenden Vertretern der vier Alliierten und der deutschen Politik hielt.

Wir sind heute hier versammelt, um den Triumph des Guten über das Böse zu feiern, nicht den Sieg einer einzelnen Nation oder eines Volkes, sondern den Sieg des menschlichen Geistes.

Es ist nur angebracht, daß wir dieses Sieges hier in Berlin gedenken, wo wir nun als Freunde und Verbündete zusammenkommen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs wird in vielen Städten, einschließlich Londons, Washingtons, Paris und morgen in Moskau begangen. Diese Zusammenkunft in der deutschen Hauptstadt hat jedoch eine besondere Bedeutung. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, können wir sagen, daß der V-E Day (Victory in Europe) nicht nur den Sieg in Europa bedeutet, sondern den Sieg für Europa.

Für die Deutschen war der 8. Mai 1945 kein Sieg im üblichen militärischen Sinn. Er bedeutete die Niederlage der nationalsozialistischen Eroberungspolitik und die Befreiung von der Nazi-Diktatur im Inland.

Als die Waffen schwiegen, schickte General Dwight David Eisenhower eine kurze Botschaft an Präsident Harry Truman. Er schrieb: “Der Auftrag der Alliierten Streitkräfte ist erfüllt.”

Zu jenem Zeitpunkt waren in ganz Europa Dörfer und große Städte schwelende Trümmerhaufen aus Stein und Staub. Überall lag die Asche der Zerstörung. Die Schrecken des Holocaust überstiegen jegliches menschliche Vorstellungsvermögen.

Hier in Deutschland waren 40 Prozent der Häuser zerstört. Das deutsche Volk konnte wenig mehr verspüren als Hunger, Angst und Krankheit.

Als Präsident Truman zur Teilnahme an der Potsdamer Konferenz in Berlin eintraf, sprach er von den blutigen Folgen des Krieges und beschrieb eine “… unendliche Prozession alter Männer, Frauen und Kinder, die ziellos umherwanderten … und die Überreste ihres Hab und Guts trugen, zogen oder schoben. In diesen zwei Stunden sah ich die Beweise einer großen, weltweiten Tragödie.”

Weniger als zwei Jahre später gab George Catlett Marshall an der Harvard University den berühmten Plan bekannt, der nach ihm benannt wurde und den Weg für Deutschlands und letztlich Europas Gesundung frei machte. Der Marshallplan und die Männer und Frauen, die ihn gestalteten, boten der Welt erstmals eine vollkommen neue Vision der Beziehungen zwischen Siegern und Besiegten.

Indem wir den bitteren Pfad von Rache und Vergeltung aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg kurzerhand ablehnten, konnten wir uns mit denjenigen Deutschen verbünden, die einen besonderen Weg beschritten und den wahren Sieg im Zweiten Weltkrieg sicherten und vertieften, als sie selbst die bösen Denkmuster zurückwiesen, die der wahre Feind der gesamten Menschheit sind.

Vor allem demonstrierten wir mit dem Marshallplan, daß die Vereinigten Staaten den Europäern nicht den Rücken zuwandten, daß wir uns energisch engagierten, während wir gemeinsam daran arbeiteten, die Früchte von Demokratie und Wohlstand in diese vom Krieg zerrütteten Länder zu bringen.

General Marshall und seine Kollegen zeigten uns, daß wir nicht den Befürwortern des Isolationismus unser Gehör schenken dürfen, die nach dem Krieg auf der Lauer liegen, wie wir es 1918 mit so tragischen Ergebnissen getan hatten. 1945 wußten wir, daß das Versprechen von Demokratie und Freiheit in Europa nur dann Früchte tragen würde, wenn wir ihm gemeinsam Nahrung geben.

Während einige die Führungsrolle als Last bezeichneten, wußten überparteiliche Politiker im amerikanischen Kongreß, wie Arthur Vandenberg, daß es zum Engagement keine Alternative gab. Durch ihre Initiative gelangte großzügige amerikanische Hilfe und Unterstützung in das zerstörte Europa.

Durch ihre Initiative haben die amerikanischen Streitkräfte in ganz Westeuropa Wache gestanden. Ihre Wachsamkeit half einem halben Kontinent, den eisernen Griff der Tyrannei abzuschütteln.

Dieser Aufgabe hat sich eine Reihe herausragender deutscher Politiker gewidmet – von den Bundeskanzlern Adenauer über Erhard bis Kiesinger, von Brandt bis Schmidt und jetzt Bundeskanzler Kohl, dem alle Deutschen und Europäer so viel verdanken.

Während dieser ganzen Zeit bezogen 12 Millionen der besten Amerikaner und Amerikanerinnen in Uniform in Europa Stellung, um die Freiheit zu verteidigen. Und wir stehen noch hier. Im Schulterschluß mit unseren NATO-Verbündeten bleiben diese Männer und Frauen unserer Streitkräfte der Stahl im Schwert der Freiheit.

Aufgrund der Wachsamkeit unseres Bündnisses treffen wir heute in einem neuen Berlin zusammen: einer dynamischen Stadt mit magnetischer Anziehungskraft im Herzen eines Europa, das von Chancen und Wohlstand sprüht – eines Europa, das in einer Wiedergeburt der Freiheit zusammenwächst, eines Europa des Fortschritts, des technologischen Könnens und der nicht zu unterdrückenden Erfindungsgabe.

Ganz Europa ist bereits elektrisiert von diesem aufregenden neuen Moment. Die Freiheit reicht jetzt von Wladiwostok bis Rostok, von Tallinn bis Tirana.

Vor fünfzig Jahren reichten sich junge Soldaten bei Kriegsende über die Elbe die Hand. Heute strecken ganze Nationen als Demokratien über Ozeane hinweg die Hand aus, um eine bessere Zukunft für unsere Kinder aufbauen zu helfen.

Wir wollen weiterhin an einer Welt arbeiten, in der ein immer größerer Kreis demokratischer Länder alle unsere Völker umfaßt – Ost und West, Nord und Süd, konzentriert auf den Glauben an die Freiheit des einzelnen, verankert in der Menschenwürde und unter Respektierung der Erde und ihrer kostbaren Ressourcen.

Wir wollen uns unerschütterlich um die Öffnung von Institutionen für die neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas einsetzen, die der Westhälfte Europas so zugute gekommen sind – die NATO, die Europäische Union, der Europarat, die OECD.

Die Konsolidierung dieser Errungenschaften wird nicht einfach sein. Unsere Erfolge signalisieren ebensowenig wie die Siege unserer Vorgänger eine Zeit des Friedens. Selbst in unserer Mitte hat das Böse des ethnischen Hasses Teile dieses altehrwürdigen Kontinents infiziert. Und wie uns Deutschlands berühmter Schriftsteller Günter Grass erinnert, ist Tyrannei ein Bodensatz, der nicht von schönen Worten ausgewaschen werden kann.

Und heute – geeint in Frieden – gedenken wir der jungen Männer und Frauen, die marschierten und starben, damit wir leben können. Mit lauter Stimme und dauerhafter Entschlossenheit verkünden wir, daß wir die Errungenschaften von 1945 nicht rückgängig machen werden.

Kurz nachdem er ein Telegramm an Präsident Truman geschickt hatte, versammelte General Eisenhower eine Gruppe von Berichterstattern um seinen Schreibtisch in seinem Hauptquartier und sann über die enorme Herausforderung nach, mit der die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert war. Er erklärte: “Der Erfolg dieser Operation wird in fünfzig Jahren beurteilt werden. Wenn Deutschland zu diesem Zeitpunkt eine stabile Demokratie ist, waren wir erfolgreich.

Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Und am heutigen Tag möchte ich, als junger Amerikaner aus der nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Generation, General Eisenhower berichten: “Auftrag erfüllt.”