Für Extremismus gibt es keine moderaten Lösungen

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir einen Namensartikel von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der zunächst in der Financial Times vom 1. August erschien.

Im letzten Monat wurde Großbritannien zweimal von einem Feind angegriffen, der die Offenheit freier Gesellschaften nutzt, um von innen heraus zu töten und zu terrorisieren. Kurz nach dem Massaker vom 7. Juli schrieb ein Amerikaner der britischen Botschaft in Washington einen Brief, in dem er die Gefühle seiner Landsleute beschrieb: “Jemand, der London angreift, kann kein geschichtliches Wissen haben. Die für die Anschläge verantwortlichen Personen werden feststellen müssen, dass man zwar keinen besseren Freund als die Briten haben kann; gleichsam kann man aber auch keinen Furcht erregenderen Feind haben.”

Nach einer solchen Gräueltat ist es wichtig, dass wir genau versuchen zu verstehen, was Extremisten dazu bringt, Massenmord zu begehen – und was nicht. Wie schon bei früheren Anschlägen geben die Extremisten und ihre Sympathisanten dieselben leeren Rechtfertigungen ab. In der Vergangenheit zählten zu diesen eine Reihe von realen und eingebildeten Affronts, die Jahrhunderte zurückreichen. Dazu gehören unter anderem: die Stationierung von US-Truppen in Saudi-Arabien nach 1991 zur Verhinderung eines Angriffs durch Saddam Hussein, die Gründung Israels 1948, das Auseinanderbrechen des Osmanischen Reichs vor etwa 80 Jahren, die Rückeroberung Spaniens von den Mauren 1492 sowie die Kreuzzüge, von denen der erste 1095 stattfand.

Die heute meistangeführte Rechtfertigung ist der Feldzug der Koalition gegen Extremisten weltweit und die so genannte “Besetzung” muslimischer Länder durch den Westen. In der Tat ist es vielmehr so, dass Koalitionsstreitkräfte in Afghanistan und im Irak auf Ersuchen demokratisch gewählter Regierungen operieren. Es sind die Extremisten, nicht die Koalition, die in einer Reihe barbarischer Angriffe während der letzten Monate vorsätzlich auf unzählige muslimische Zivilisten abzielten und sie töteten.

Einige Menschen scheinen zu glauben, dass ein Entgegenkommen angesichts der Forderungen der Extremisten – einschließlich eines Abzugs aus Afghanistan und dem Irak – ihre Unzufriedenheit beenden und somit zukünftige Anschläge verhindern könnte. Wir sollten uns jedoch vor Augen führen, dass eine radikale islamistische Regierung praktisch ungestört von der internationalen Staatengemeinschaft Afghanistan beherrschte und Anführern der Al Kaida Zuflucht gewährte, als die Terroristen am 11. September 2001 die Vereinigten Staaten angriffen. Saddam Hussein hielt im Irak an seiner Macht fest und schien Unterstützung für seine Bestrebungen zu gewinnen, die Sanktionen der Vereinten Nationen zu beenden.

In Wahrheit haben islamische Extremisten schon lange ihr Interesse gezeigt, Großbritannien anzugreifen. Im Januar 2003 vereitelte die britische Polizei einen wahrscheinlich geplanten Anschlag mit dem Giftstoff Rizin – zwei Monate vor Beginn der Operation Iraqi Freedom.

In den zwei Jahrzehnten vor dem 11. September, lange vor dem Koalitionseinsatz in Afghanistan oder im Irak, töteten oder entführten Extremisten außerdem hunderte unschuldige Zivilisten in Teheran, Beirut, Saudi-Arabien, Berlin, New York, Schiffe im Mittelmeer sowie einen Jet über Schottland.

Die Extremisten streben keine Verhandlungslösung mit dem Westen an. Sie wollen, dass die Vereinigten Staaten, Großbritannien und andere Verbündete der Koalition ihre Prinzipien und ihren Einsatz für ihre muslimischen Freunde überall auf der Welt aufgeben. 2002 befürwortete Osama bin Laden den Sturz moderater muslimischer Regierungen. Die Fantasien der Al Kaida und Gleichgesinnter, Intoleranz und ideologischen Drill durchzusetzen, betreffen zudem weitaus mehr als den Nahen Osten. Die Extremisten sind insbesondere über die Gleichberechtigung von Frauen und die Meinungsfreiheit erzürnt, die freie Gesellschaften kennzeichnen.

Nur wenige Tage nach den ersten Anschlägen in London bekräftigte ein Extremist, der des Mordes an einem niederländischen Regisseur beschuldigt wird, dessen Film als Beleidigung des Islam betrachtet wird, öffentlich, dass er wieder töten würde, wenn er die Möglichkeit dazu hätte. Mit solchen einzelnen Feinden kann es keinen Frieden geben.

Die Anschläge vom 11. September erzürnten eine Nation und Zivilisation und veranlassten sie, zu handeln. Seit damals haben die Extremisten Zufluchtsmöglichkeiten und öffentliche Unterstützung in Afghanistan und dem Irak verloren und werden auf jedem Kontinent von einer beispiellosen globalen Koalition verfolgt.

Sie haben zurückgeschlagen, indem sie von Rucksäcken bis Autos alles dazu verwendet haben, hunderte unschuldige Menschen in Spanien, der Türkei, Kenia, Indonesien, Russland und zuletzt Großbritannien zu töten. Sie streben danach, Dinge zu zerstören, die sie in 1000 Jahren nicht bauen könnten, und Menschen zu töten, die sie nie von ihrer Sache überzeugen könnten.

Ihr Plan scheiterte am 11. September 2001. Sie scheitern im Irak und in Afghanistan. Und von dem, was wir über die Briten wissen, scheiterte der Plan der Extremisten zweifellos erneut bei den Angriffen auf London.

Originaltext: Byliner: Rumsfeld Says There Can Be No Moderate Solutions to Extremism

Rumsfeld fordert die Nationen zur Vorbereitung auf den Krieg gegen den Irak auf

MÜNCHEN – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Verteidigungsminister Donald H. Rumsfeld anlässlich der Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik vom 8. Februar 2003.

 

Sehr geehrter Herr Dr. Teltschik, sehr geehrte Minister, Parlamentarier, verehrte Gäste, Freunde, meine Damen und Herren, ganz herzlichen Dank. Horst, ich bin hoch erfreut, hier sein zu können. Dies ist tatsächlich nicht mein erster Besuch bei dieser Konferenz. Im Lauf vieler Jahrzehnte habe ich immer wieder daran teilgenommen. Es ist mir ein besonderes Vergnügen, wieder in Europa zu sein! Mir wurde gesagt, dass es ein bisschen Aufregung gegeben hat, als ich neulich vom “alten Europa” sprach. Ich verstehe allerdings nicht so richtig, warum. Wie ich in diesem Zusammenhang auch sagte, betrachte ich in meinem Alter das Wort “alt” als ein Kosewort. Wie bei der Bezeichnung “alter Freund”.

 

In der Tat wurde mir berichtet, dass eine deutsche Zeitung auf meine Vorfahren aus Norddeutschland hingewiesen hat und diese Gegend ja dafür bekannt sei, dass man offen und unverblümt sagt, was man denkt.

 

Es zählt zu den Vorteilen des Alters – und ich habe da schon etwas aufzuweisen – dass man eine ganze Menge Geschichte miterlebt hat. Ich habe die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Ich war ein junger Mann, als das NATO-Bündnis gegründet wurde, und die Namen von Churchill, Roosevelt, Adenauer, Marshall und Truman kannte ich nicht aus dem Geschichtsunterricht, sondern sie gehörten zu den politischen Führungspersönlichkeiten, denen wir alle über die Jahre hinweg folgten, während derer Europa in einen Krieg schlitterte und sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Asche erhob. Sie trugen zur Bildung unseres transatlantischen Bündnisses bei und bauten es zu einem Bollwerk gegen Tyrannei und zur Verteidigung gemeinsamer Werte und unserer Freiheit aus.

 

Als der Präsident mich in den frühen siebziger Jahren zum Botschafter bei der NATO berief, war dies ein entscheidender Augenblick in meinem Leben. Ich arbeitete eng mit engagierten und hoch begabten Diplomaten zusammen, beispielsweise mit André de Starke, dem ehemaligen Doyen der Organisation des Nordatlantikvertrags, meinem engen Freund François Rose, dem damaligen französischen Botschafter bei der NATO, Franz Krapf aus der Bundesrepublik Deutschland und vielen anderen äußerst talentierten Diplomaten. Keiner von uns hätte sich damals vorstellen können, dass sich führende Vertreter der NATO eines Tages in Prag treffen würden, wo sie Litauen, Lettland, Estland, Slowenien, die Slowakische Republik, Bulgarien und Rumänien einladen würden, Mitglieder des Atlantischen Bündnisses zu werden.

 

Es ist bemerkenswert, wie sich Europa allein im Laufe meines Lebens verändert hat. Dank der Bemühungen der NATO hat sich das Zentrum Europas tatsächlich ostwärts verlagert, und unser Bündnis ist dadurch stärker geworden.

 

Nicht nur die Landkarte Europas hat sich verändert, sondern auch die der Welt. Aus der Tragödie des 11. September ist sicherlich eine große Verantwortung erwachsen, es ergeben sich aber auch beispiellose Möglichkeiten wie der Abbau verfestigter Trennmauern – Überreste früherer Zeiten – und der Aufbau neuer Beziehungen zu Ländern, mit denen dies noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Und genau das haben wir im globalen Kampf gegen den Terror getan.

 

Unsere Koalition im globalen Kampf gegen den Terror umfasst heute ungefähr 90 Nationen, fast die Hälfte der Welt. Es ist die größte Koalition in der Menschheitsgeschichte. Wir kämpfen Seite an Seite mit alten Verbündeten und neuen Freunden gleichermaßen. (Hoppla, hier war schon wieder das Wörtchen “alt”.) Manche beteiligen sich am militärischen Engagement in Afghanistan. Manche helfen an anderen Orten der Welt wie beispielsweise in Asien, am Golf oder am Horn von Afrika. Andere unterstützen mit Einsätzen zur Sicherung der Stabilität, wieder andere stellen Stützpunkte, Auftankmöglichkeiten, Überflugrechte und nachrichtendienstliche Erkenntnisse zur Verfügung. Manche engagieren sich nicht militärisch, helfen aber finanziell, auf diplomatischer Ebene und im Rahmen der Strafverfolgung. All das ist wichtig und hoch willkommen bei allen Nationen, die sich dem globalen Kampf gegen den Terrorismus verpflichtet haben.

 

Was den Irak angeht, hoffen wir noch immer, dass zur Entwaffnung Saddam Husseins keine Gewalt angewendet werden muss. Sollte es jedoch dazu kommen, wissen wir bereits, dass dieselben dazu stehen werden – einige Länder werden sich beteiligen, während sich andere dagegen entscheiden. Die Stärke unserer Koalition liegt darin, dass wir nicht von jedem Mitglied erwarten, sich an jeder Aktion zu beteiligen.

 

Die in Europa und weltweit zugesagte Unterstützung bei der Entwaffnung des Irak ist beeindruckend und wächst. Eine große Zahl von Ländern hat bereits zum Ausdruck gebracht, dass sie sich uns in einer Koalition der Willigen anschließen, und jeden Tag kommen mehr hinzu.

 

In der vergangenen Woche haben die Staatsoberhäupter von Großbritannien, der Tschechischen Republik, Dänemark, Ungarn, Italien, Polen, Portugal und Spanien eine mutige Stellungnahme abgegeben, in der sie erklären, “das irakische Regime und seine Massenvernichtungswaffen sind eine klare Bedrohung für die Weltsicherheit”, und sie verpflichten sich, “gemeinsam müssen wir darauf bestehen, dass sein Regime entwaffnet wird”.

 

Ihrer Stellungnahme folgte diese Woche eine ebenso kühne Erklärung der Vilnius-Gruppe, bestehend aus Estland, Lettland, Litauen, der Slowakischen Republik, Slowenien, Bulgarien, Rumänien, Albanien, Kroatien und Mazedonien. Sie erklärten: “Unsere Länder kennen die von der Tyrannei ausgehenden Gefahren und die besondere Verantwortung der Demokratien, gemeinsame Werte zu verteidigen … Wir sind bereit, unseren Beitrag zu einer internationalen Koalition zur Durchsetzung [von Resolution 1441] und der Entwaffnung des Irak zu leisten.”

 

Um es klar zu sagen, es geht darum, ein klares Signal an den Irak zu senden, wie ernst die Sache ist und wie entschlossen die Welt zur Entwaffnung des Irak ist.

 

Ich sage es ganz deutlich: Niemand will Krieg. Nein, Krieg ist niemals die erste oder einfache Wahl. Aber es gilt, die Risiken eines Kriegs gegen die Risiken der Untätigkeit abzuwägen, während der Irak den Besitz von Massenvernichtungswaffen anstrebt.

 

Es mag für manche schwierig sein, völlig zu verstehen, wie grundsätzlich der 11. September unser Land verändert hat. Die Amerikaner haben die Anschläge auf das Pentagon und die Türme des World Trade Center als eine schmerzliche und deutliche Ankündigung weitaus tödlicherer Angriffe in der Zukunft betrachtet. Wir haben die von Terroristen verursachte Zerstörung betrachtet; Terroristen, die Flugzeuge entführten und in Raketen verwandelten und sie einsetzten, um 3.000 unschuldige Männer, Frauen und Kinder zu töten. Und wir haben uns über die Zerstörung Gedanken gemacht, die von einem mit nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen bewaffneten Gegner verursacht werden könnte. Statt 3.000 könnten es 30.000 oder 300.000 sein.

 

Konrad Adenauer hat einmal gesagt: “Geschichte ist auch die Summe dessen, was vermeidbar gewesen wäre.” Bei der Geschichte haben wir den Vorteil des Rückblicks. Aber diesen Vorteil müssen wir einsetzen, um daraus zu lernen. Unsere gegenwärtige Herausforderung ist noch viel schwieriger. Es ist der Versuch, im Voraus Zusammenhänge zu erkennen, um einen Anschlag zu verhindern, bevor er verübt wird und nicht zu warten und dann zu hoffen, die Einzelteile auflesen zu können, nachdem etwas passiert ist.

 

Um das zu tun, müssen wir eine grundlegende Wahrheit begreifen. Wir haben einen Punkt in der Geschichte erreicht, an dem es den Spielraum für Irrtümer, den wir einst hatten, nicht mehr gibt. Im 20. Jahrhundert haben wir – wir alle hier – uns weitgehend mit konventionellen Waffen beschäftigt, die hunderte oder tausende von Menschen töten konnten. Hatten wir eine Bedrohung falsch eingeschätzt, unterschätzt oder ignoriert, konnte das durch einen Angriff aufgefangen werden – eine Erholungsphase, tief Luftholen, Mobilisierung und Angriff und Niederlage des Feindes. Im 21. Jahrhundert ist das nicht der Fall; die Kosten für die Unterschätzung der Bedrohung liegen jenseits unserer Vorstellungskraft.

 

Es ist eine Tatsache von großer Tragweite, mit der wir uns abfinden müssen, und sie ist die Verknüpfung zwischen Massenvernichtungswaffen, terroristischen Staaten und terroristischen Netzwerken. Am 11. September entdeckten terroristische Staaten, dass man Washington, Paris, Berlin, Rom oder irgendeine andere unserer Hauptstädte nicht nur mit Raketen angreifen kann. Es gibt andere Trägersysteme – terroristische Netzwerke. Wenn ein terroristischer Staat Terrorgruppen Massenvernichtungswaffen zukommen lässt, könnten sie ihre Verantwortung für einen Anschlag verschleiern.

 

Bis heute wissen wir immer noch nicht sicher, wer hinter dem Bombenanschlag auf die Khobar Towers in Saudi-Arabien im Jahr 1996 stand. Wir wissen immer noch nicht, wer für die Anthraxanschläge in den Vereinigten Staaten verantwortlich war. Es liegt im Wesen von Terroranschlägen begründet, dass es schwierig – und manchmal unmöglich – ist, die Verantwortlichen auszumachen. Und ein terroristischer Staat, der seine Verantwortung für einen Anschlag verschleiern kann, würde sich zweifelsohne nicht davon abhalten lassen.

 

Wir alle sind anfällig für diese Bedrohungen. In Berlin erklärte Präsident Bush: “Diejenigen, die die Freiheit der Menschen verachten, werden sie auf jedem Kontinent angreifen.” Wir müssen uns nur die jüngsten Bombenanschläge in Kenia oder Bali oder die Giftanschläge planenden Terrorzellen, die vor kurzem hier in Europa aufgespürt und aufgedeckt wurden, ins Gedächtnis rufen, um festzustellen, dass dies der Fall ist.

 

In der vergangenen Woche sprach Präsident Bush zur ganzen Welt über die Gefahr, die Saddam Hussein darstellt. In dieser Woche legte Außenminister Powell dem Sicherheitsrat weitere Informationen vor:

 

· Abgehörte Gespräche zwischen irakischen Regierungsvertretern,

· Satellitenaufnahmen von irakischen Waffenanlagen und

· nachrichtendienstliche Informationen von menschlichen Quellen – von Agenten im Irak, Überläufern und Personen, die im globalen Kampf gegen den Terror festgenommen worden waren.

 

Er gab keine Meinungen, keine Vermutungen wieder, sondern Fakten, die Folgendes belegen:

 

· das fortgesetzte Streben des Irak nach nuklearen, chemischen und biologischen Waffen;

· die Entwicklung von Trägersystemen durch den Irak, darunter Flugkörper und unbemannte Luftfahrzeuge;

· die Erprobung von Chemiewaffen an Menschen;

· seine andauernden Bestrebungen, die UN-Waffeninspekteure zu täuschen und seine Programme zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu verschleiern; und

· seine Verbindungen zu Terrornetzwerken, darunter in Bagdad operierende, der Al Qaida angeschlossene Zellen.

 

Es ist schwer zu glauben, dass vernünftige Menschen, die den vor ihnen liegenden Fakten gegenüber aufgeschlossen sind, noch Zweifel haben könnten. Die Bedrohung ist greifbar. Wenn das Schlimmste geschehen sollte – und wir nichts unternommen hätten, um es aufzuhalten – könnte keiner der heute hier Anwesenden reinen Gewissens sagen, es sei eine Überraschung gewesen. Es wird keine Überraschung sein. Wir sind unterrichtet, jede unserer Nationen, jeder Einzelne von uns. Die einzige Frage lautet: Was werden wir dagegen unternehmen?

 

Wir alle hoffen auf eine friedliche Lösung. Aber die einzige Chance für eine friedliche Lösung besteht darin, klar zu machen, dass freie Nationen gegebenenfalls zum Einsatz von Gewalt bereit sind, dass die Welt geeint und – wenn auch zögerlich – zu handeln bereit ist.

 

Einige raten, wir sollten die Vorbereitungen verschieben. Ironischerweise könnte dieser Ansatz einen Krieg sehr viel eher – und nicht weniger – wahrscheinlich machen, weil das Verschieben der Vorbereitungen ein Signal der Unsicherheit statt ein Signal der Entschlossenheit sendet. Wenn die internationale Gemeinschaft wieder einmal einen Mangel an Entschlossenheit zeigt, besteht keine Chance, dass Saddam Hussein freiwillig abrüstet oder aus dem Land flieht – und daher eine geringe Chance für eine friedliche Lösung.

 

Es gibt noch einen weiteren Grund, jetzt Vorbereitungen zu treffen: Die Mitgliedstaaten der NATO haben gemäß Artikel V eine Verpflichtung zur Verteidigung der Türkei, sollte sie vom Irak angegriffen werden. Diejenigen, die das Bündnis daran hindern wollen, selbst ein Minimum an vorbereitenden Maßnahmen zu ergreifen, riskieren, die Glaubwürdigkeit des NATO-Bündnisses zu unterminieren.

 

Die Risiken sind hoch. Der Irak missachtet jetzt die 17. Resolution des UN-Sicherheitsrats. Der Rat stimmte über die Warnung an den Irak ab, dies sei seine “letzte Chance zur Einhaltung seiner Abrüstungsverpflichtungen.” Zitat, Zitat Ende. In der einstimmig verabschiedeten Resolution hieß es nicht, die “vorletzte Chance”. Es hieß, die “letzte Chance”. Und diejenigen, die darüber abgestimmt haben – und sie haben einstimmig abgestimmt – wissen, was sie besagte. Sie wurden ausdrücklich an ihren Wortlaut erinnert. Die Frage ist, meinten die Vereinten Nationen es? Meinten sie es? Wir werden es bald wissen.

 

Die Vereinten Nationen haben 17 Mal eine Linie in den Sand gezogen – und 17 Mal hat Saddam Hussein diese Linie überschritten. Die Erklärung der acht europäischen Staatsoberhäupter formulierte es letzte Woche äußerst eloquent, ich zitiere: “Wenn [diese Resolutionen] nicht eingehalten werden, verliert der Sicherheitsrat seine Glaubwürdigkeit. Dies schadet dem Weltfrieden.”

 

Lassen Sie mich diese traurigen Gedanken über den Zustand der Vereinten Nationen hinzufügen. Eine Institution, die mit Unterstützung und Zustimmung vieler der in diesem Saal vertretenen Nationen dem Irak – einem terroristischen Staat, der sich weigert abzurüsten – erlaubt, in Kürze den Vorsitz der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen zu übernehmen und die vor kurzem Libyen – einen terroristischen Staat – gewählt hat, ausgerechnet den Vorsitz der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen zu übernehmen, scheint nicht einmal um die Wiedererlangung ihrer Glaubwürdigkeit zu kämpfen.

 

Dass diese unverantwortlichen Handlungen jetzt, in diesem Augenblick der Geschichte stattfinden, ist atemberaubend. Diese Handlungen werden in der Geschichte der Vereinten Nationen entweder als der Tiefpunkt dieser im Rückzug begriffenen Institution markiert oder als der Wendepunkt, an dem die Vereinten Nationen aufwachten, sich selbst wieder in den Griff bekamen und sich von einem Weg der Lächerlichkeit auf einen Weg der Verantwortung begaben.

 

Um zu verstehen, was auf dem Spiel steht, sollten wir uns an die Geschichte der Vorläuferorganisation der Vereinten Nationen erinnern, des Völkerbunds. Als der Völkerbund nach der Invasion von Abessinien nicht handelte, war er als Instrument des Friedens diskreditiert. Zu Recht. Die Lektion aus dieser Erfahrung wurde zu jener Zeit am besten von dem kanadischen Ministerpräsidenten Mackenzie King zusammengefasst, der erklärte: “Kollektives Bluffen kann keine kollektive Sicherheit herbeiführen.”

 

Diese Lektion gilt heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch ebenso wie im 20. Jahrhundert. Die Frage ist nur: Haben wir sie gelernt?

 

Es gibt Augenblicke in der Geschichte, in denen das Urteilsvermögen und die Entschlossenheit freier Nationen auf die Probe gestellt werden. Dies ist ein solcher Augenblick. Das Sicherheitsumfeld, in das wir uns begeben, ist das gefährlichste, das die Welt je erlebt hat. Das Leben unserer Kinder und Enkelkinder könnte sehr wohl auf dem Spiel stehen.

 

Was werden sie sagen, wenn sie auf diese Zeit zurückblicken? Haben wir den Ernst der Bedrohung richtig erkannt, die Verbindung zwischen Massenvernichtungswaffen, terroristischen Staaten und terroristischen Netzwerken? Werden sie sagen, wir seien paralysiert gewesen – gelähmt durch die Zwangsjacke der Unentschlossenheit und der Denkweise des 20. Jahrhunderts – während die Gefahren zunahmen? Oder werden sie sagen, wir hätten die drohende Gefahr erkannt und gehandelt, bevor es zu spät war?

 

Die kommenden Tage und Wochen werden es zeigen. Vielen Dank.

 

Originaltext: Rumsfeld Urges Nations to Prepare for War with Iraq

 

Eine neue Art von Krieg

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir einen Namensbeitrag von US-Verteidigungsminister Donald H. Rumsfeld, der zunächst in der New York Times vom 27. September erschien.

Präsident Bush sammelt die Nation für einen Krieg gegen terroristische Anschläge auf unsere Lebensweise. Einige meinen, das erste Opfer eines jeden Krieges sei die Wahrheit. Aber in diesem Krieg muss der erste Sieg darin bestehen, die Wahrheit zu sagen. Und die Wahrheit ist, dies wird ein Krieg sein wie kein anderer dem sich unsere Nation je gegenüber sah. Tatsächlich ist das, was vor uns liegt, einfacher zu beschreiben, indem wir über das sprechen, was es nicht ist, statt über das, was es ist.

Dieser Krieg wird nicht von einem breiten Bündnis geführt, vereint in dem einzigen Ziel, eine Achse feindlicher Mächte zu besiegen. Es wird vielmehr wechselnde, sich verändernde und sich entwickelnde Koalitionen von Ländern geben. Die Länder werden verschiedene Rollen übernehmen und auf verschiedene Art und Weise Beiträge leisten. Einige werden diplomatische Unterstützung bieten, andere finanzielle und wieder andere logistische oder militärische. Einige werden uns öffentlich helfen, während andere uns vielleicht aufgrund der Umstände weniger öffentlich und heimlich helfen werden. In diesem Krieg wird die Mission die Koalition definieren – nicht anders herum.

Wir sind uns bewusst, dass Länder, die wir als unsere Freunde betrachten, uns bei bestimmten Bestrebungen behilflich sein und sich bei anderen still verhalten werden. Andere Maßnahmen, die wir ergreifen, mögen von der Beteiligung von Ländern abhängen, die wir als weniger freundlich einstufen.

In diesem Zusammenhang ist die Entscheidung der Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi Arabiens – Freunde der Vereinigten Staaten – die Beziehungen zu den Taliban abzubrechen, ein wichtiger erster Erfolg dieses Feldzugs. Sie bedeutet allerdings nicht, dass sie an jeder von uns in Betracht gezogenen Maßnahme teilhaben werden.

Dieser Krieg wird nicht unbedingt ein Krieg sein, indem wir über militärischen Zielen grübeln und Truppen massieren, um diese Ziele einzunehmen. Vielmehr wird militärische Gewalt wahrscheinlich eines von vielen Instrumenten sein, die wir einsetzen, um Einzelpersonen, Gruppen und Länder davon abzuhalten, terroristische Anschläge zu verüben.

Unsere Reaktion könnte darin bestehen, Marschflugkörper auf militärische Ziele irgendwo auf der Welt abzufeuern, wir könnten aber ebenso gut einen elektronischen Kampf führen, um den Investitionsfluss durch Offshore-Bankzentren zu stoppen. Die Uniformen in diesem Konflikt werden ebenso sehr die Nadelstreifen der Bankiers und lässige Kleidung der Programmierer wie Wüstentarnkleidung sein.

Dies ist kein Krieg gegen eine Einzelperson, eine Gruppe, eine Religion oder ein Land. Unser Gegner ist vielmehr ein globales Netzwerk von Terroristenorganisationen und deren Sponsorländer, die freien Menschen die Möglichkeit nehmen wollen, so zu leben, wie sie möchten. Während wir womöglich militärisch gegen ausländische Regierungen vorgehen, die den Terrorismus unterstützen, könnten wir auch versuchen, die von diesen Regierungen unterdrückten Menschen zu Bündnispartner zu machen.

Sogar das Vokabular dieses Kriegs wird anders sein. Wenn wir in “das Gebiet eines Feindes eindringen”, könnten wir womöglich in seine Cyberspace eindringen. Es mögen nicht so viele Brückenköpfe gestürmt wie Chancen verwehrt werden. Vergessen Sie “Rückzugsstrategien”; es handelt sich um einen andauernden Einsatz ohne Befristung. Wir haben keine festgelegten Regeln zur Dislozierung unserer Truppen; stattdessen werden wir Richtlinien aufstellen um festzustellen, ob militärische Gewalt die beste Methode ist, ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Die Öffentlichkeit wird vielleicht einige dramatische Militäreinsätze sehen, die zu keinem offensichtlichen Sieg führen, und sich anderer Maßnahmen, die zu wichtigen Siegen führen, nicht bewusst sein. “Schlachten” werden von Zollbeamten ausgetragen, die verdächtige Personen an unseren Grenzen anhalten, und von Diplomaten, die die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Geldwäsche sicherstellen.

Aber auch wenn dies eine andere Art von Krieg ist, eines bleibt gleich: Amerika bleibt unbezwingbar. Unser Erfolg wird sich einstellen, wenn Amerikaner ihr tägliches Leben leben, zur Arbeit gehen, ihre Kinder erziehen und ihre Träume verwirklichen, wie sie es immer getan haben – ein freies und großartiges Volk.

Originaltext: Defense Secretary Rumsfeld on America’s New Kind of War