Vom Außenseiter zum Olympiateilnehmer

On 2012/07/12, in US-Gesellschaft/Kultur, by Amerika Dienst

 

Los gehts! Mitglieder der Olympiamannschaft der Vereinigten Staaten bei der Eröffnungsfeier zu den Olympischen Spielen im Jahr 2000 in Sydney – und Linda Miller ist unter ihnen.

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Linda Miller, die mit der US-Frauenrudermannschaft an den Olympischen Spielen in Sydney (Australien) im Jahr 2000 teilnahm. Dieser Artikel ist Teil des ejournal USA „Sport stärkt die Gesellschaft”, das am 22. Juni vom Büro für internationale Informationsprogramme des US-Außenministeriums herausgegeben wurde.

 

Als ich klein war, war Sport nicht mein Ding. Ich litt an Asthma und musste häufig in die Notaufnahme gebracht werden. Während des Sportunterrichts saß ich auf der Tribüne – ich hatte eine Befreiung vom Arzt. Meine Bitten, mit meinen Freunden Sport machen zu dürfen, beantwortete meine Mutter mit einem mitfühlenden, aber entschiedenen „nein“. Ich war eindeutig nicht dazu bestimmt, bei den Olympischen Spielen gegen die weltbesten Athleten anzutreten.

 

Dennoch habe ich es geschafft.

Asthma war nur eines von vielen Hindernissen, die ich auf meinem Weg zu den Olympischen Spielen überwinden musste. Die Grenzen, die einem andere aufzeigen, verblassen im Vergleich zu denen, die man sich selbst auferlegt. Selbstzweifel können überall hinderlich sein, insbesondere im Sport, wo es jeden Tag einen Wettbewerb mit Gewinnern und Verlierern gibt. Ein Formtief – eine längere Phase mit Leistungen, die unter den Bestleistungen liegen – können einem mental sehr zusetzen. Man muss die Selbstzweifel überwinden, um seine Träume zu erreichen und die Menschen, die man auf dem Weg dahin trifft, können großen Einfluss auf den Erfolg haben. Ich hatte das Glück, Mentoren zu haben, die mich dazu aufforderten, meine eigenen Grenzen zu überdenken, und eine Gemeinschaft, die mich Zuhause und auch auswärts unterstützte. Ohne sie hätte ich niemals von den Olympischen Spielen zu träumen gewagt.

 

Grenzen verschieben

Mein Weg zu den Olympischen Spielen begann überwiegend dank meines geduldigen, fürsorglichen Rudertrainers, Dee Campbell, der kein Blatt vor den Mund nahm. Als ich 14 Jahre alt war, klopfte Dee eines Tages an die Tür, um meine Schwester abzuholen, die ein Jahr zuvor mit dem Rudern begonnen hatte. Als ich öffnete – und ich war fast 1,80 m groß – sah er mich an und fragte mich, ob ich rudern wolle. Ich erklärte, dass ich nicht könnte: Ich hätte Asthma und meine Mutter würde es nicht erlauben. Dee akzeptierte diese Antwort nicht und zeigte mir, dass nur ich allein mir Grenzen setzen kann. Mit seiner Hilfe war ich schließlich in der Lage, meine Mutter zu überzeugen, mich rudern zu lassen.

 

Mannschaftskameraden (von links) Linda Miller, Nick Peterson und Mike Porterfield posieren bei den Olympischen Spielen in Sydney (Australien) im Jahr 2000 mit dem T-Shirt ihrer High School.

 

Eine weitere Mentorin, die mich stark beeinflusst hat, war die Trainerin meines Ruderteams an der Universität von Washington, Jan Harville. In einem Sommer kam Jan, um meinen Partner und mich zu trainieren, nachdem wir nur wenige Monate vor der Weltmeisterschaft aus dem Achter in den Zweier gewechselt hatten. Da wir nur sehr wenig Erfahrung in diesem kleineren Ruderboot hatten, ging niemand davon aus, dass wir erfolgreich sein würden. Jan brachte uns aber bei, dass wir ohne hohen Erwartungsdruck eine herausragende Leistung bringen können. Sie erklärte, dass, wenn wir unser Bestes gäben, sich das Ergebnis automatisch einstellen würde. In nur wenigen Wochen lernten wir, uns auf jeden Ruderschlag des Rennens zu konzentrieren, anstatt auf den Sieg.

 

Das Ergebnis nicht mehr in den Mittelpunkt zu stellen, war für mich ein revolutionäres Konzept. Zuvor hatte ich geglaubt, dass der Sieg alles sei, aber das ist er nicht. Plötzlich konzentrierte ich mich nicht auf den Sieg, sondern darauf, mein Bestes zu geben – unabhängig von der Platzierung. Am Ende schafften wir es auf das Podium. Wir gewannen Bronze, was mir fast wie ein Wunder vorkam (und auch einige andere Menschen überrascht hat). Diese Erfahrung hat mir beigebracht, die Erwartungen anderer hinter mir zu lassen, und mir gezeigt, wie wichtig es ist, an sich zu glauben.

 

Stärke durch Gemeinschaft

Der Sport hat mich auch die Kraft der Gemeinschaft gelehrt. Als ich mich auf die Olympischen Spiele vorbereitete, wohnte ich im olympischen Trainingszentrum in Chula Vista (Kalifornien), gut 3.200 km von meiner Heimatstadt Virginia entfernt. Ich trainierte mit Frauen aus dem ganzen Land, die eingeladen worden waren, um mit dem Coach der Olympiamannschaft der Vereinigten Staaten zu trainieren. Diese Tage waren lang und physisch anstrengender als sich die meisten Menschen vorstellen können. Wir schufteten fünf bis sechs Stunden täglich in einem intensiven Training und das sechs Tage die Woche. Wir reisten gemeinsam um die Welt, nahmen an Wettbewerben in Ländern wie Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Belgien und Australien teil. Das tägliche Training – Verletzungen, Krankheiten, Familientragödien und physische Erschöpfung – haben uns für das ganze Leben zusammengeschweißt. Dieses starke Gemeinschaftsgefühl gab uns die Kraft, weiterzumachen, auch wenn wir das Gefühl hatten, nicht mehr weitermachen zu können.

 

Auch wenn ich gute 3.200 km weg von Zuhause war, waren die Menschen aus meiner Heimatstadt auf jedem Schritt des Weges bei mir. Das Ruderteam meiner High School hat stolz Zeitungsartikel über meine Erfolge verschickt. Als mein ehemaliger Coach Dee von einem Journalisten einer landesweiten Zeitung interviewt wurde, nachdem ich bei der Weltmeisterschaft 1999 Silber gewonnen hatte, brachte er seinen Stolz über meine Leistungen zum Ausdruck. Als ich einen Platz in der Olympiamannschaft für die Spiele in Sydney in Australien 2000 erhielt, waren zwei meiner Mannschaftskameraden von der High School bei mir.

 

Eines Tages posierten wir mitten im Olympischen Dorf mit dem T-Shirt unserer High School für ein Foto. Obwohl wir Tausende Kilometer entfernt waren, war die Gemeinschaft, die uns dorthin gebracht hatte, bei uns. Alle meine Mentoren, Teamkollegen und Nachbarn, deren Unterstützung mir geholfen hat, mit der Rettungsweste in der Hand, den Mut für diese ersten Ruderschläge und für den langen Kampf bis zu den Olympischen Spielen zu fassen, waren ein Teil der Olympiamannschaft als hätten sie das Trikot getragen.

 

Originaltext: From Outsider to Olympian

 

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