Obama vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen

NEW YORK – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von US-Präsident Barack Obama vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York vom 21. September 2011.

 

 

 

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, verehrte Delegierte, meine Damen und Herren. Es ist mir eine große Ehre, heute hier sein zu dürfen. Ich möchte heute über das Thema zu Ihnen sprechen, das das Herzstück der Vereinten Nationen ist – der Weg zum Frieden in einer unvollkommenen Welt.

Seit den ersten Tagen der Zivilisation werden wir von Kriegen und Konflikten begleitet. Aber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts führten die Fortschritte bei der Entwicklung moderner Waffen zum Tod unzähliger Menschen. Es war dieses Morden, das die Gründer dieser Institution dazu verpflichtete, eine Einrichtung zu schaffen, die sich nicht nur darauf konzentrierte, einen Krieg zu beenden, sondern auch darauf ausgerichtet ist, weitere Kriege zu verhindern. Es sollte eine Union souveräner Staaten sein, die es sich zur Aufgabe macht, Konflikte zu vermeiden und gleichzeitig deren Ursachen anzugehen.

Kein anderer Amerikaner hat mehr getan, um dieses Ziel zu verfolgen, als Präsident Franklin D. Roosevelt. Er wusste, dass es nicht ausreicht, aus einem Krieg als Sieger hervorzugehen. Bei einem der ersten Treffen zur Gründung der Vereinten Nationen sagte er: „Wir müssen nicht nur einfach Frieden schaffen, sondern einen Frieden schaffen, der von Dauer ist.“

Die Frauen und Männer, die diese Institution aufgebaut haben, haben verstanden, dass Frieden mehr bedeutet als die schlichte Abwesenheit von Krieg. Ein dauerhafter Frieden – für Länder und Menschen – erfordert Verständnis für Gerechtigkeit und Chancen, für Würde und Freiheit. Ein dauerhafter Frieden verlangt Opfer und Einsatz, Kompromissbereitschaft sowie ein Bewusstsein für unsere gemeinsame Menschlichkeit.

Eine Abgeordnete sagte bei der Konferenz von San Francisco, die zur Gründung der Vereinten Nationen führte: „Viele Menschen haben so getan, als müssten wir einfach lautstark wiederholen, dass wir Frieden lieben und Krieg hassen, um Frieden zu erreichen. Nun haben wir jedoch gelernt, dass wir – unabhängig davon, wie sehr wir  den Frieden lieben und den Krieg hassen mögen – nicht von Krieg verschont werden, wenn es in anderen Teilen der Welt zu Konflikten kommt.“

Tatsache ist, Frieden zu erreichen, ist ein schwieriges Unterfangen. Aber die Menschen auf der Welt verlangen nach Frieden. Auch nach über fast 70 Jahren, in denen die Vereinten Nationen an der Verhinderung eines Dritten Weltkriegs mitgearbeitet haben, leben wir immer noch in einer Welt, die von Konflikten gezeichnet und von Armut geplagt wird. Auch wenn wir uns zur Liebe für den Frieden bekennen und unseren Hass auf den Krieg erklären, gibt es immer noch Auseinandersetzungen auf der Welt, die unser aller Leben gefährden.

Als ich mein Amt antrat, waren die Vereinigten Staaten in zwei Kriege involviert. Zudem waren die gewalttätigen Extremisten, die uns in den Krieg gedrängt haben – Osama bin Laden und Al Kaida – immer noch auf freiem Fuß. Heute aber verfolgen wir einen neuen Kurs.

Wir werden Ende des Jahres den amerikanischen Einsatz im Irak beenden. Wir werden normale Beziehungen mit einem souveränen Staat führen, der Mitglied der Staatengemeinschaft ist. Diese gleichberechtigte Partnerschaft wird durch unsere Unterstützung für den Irak – die irakische Regierung, die Sicherheitskräfte, die Bevölkerung und ihre Hoffnungen und Wünsche – gestärkt werden.

Mit dem Ende des Kriegs im Irak haben die Vereinigten Staaten und ihre Koalitionspartner auch einen Übergang in Afghanistan eingeleitet. Von heute an bis 2014 werden eine zunehmend kompetente afghanische Regierung sowie afghanische Sicherheitskräfte die Verantwortung für die Zukunft des Landes übernehmen. Während dies vonstatten geht, werden wir unsere Truppen abziehen und eine dauerhafte Partnerschaft mit dem afghanischen Volk aufbauen.

Es besteht also kein Zweifel: Die Welle der Kriege ebbt ab. Als ich mein Amt antrat, leisteten 180.000 Amerikanerinnen und Amerikaner ihren Dienst im Irak und Afghanistan. Bis Ende des laufenden Jahres wird diese Zahl halbiert werden und sich danach noch weiter verringern. Das ist für die Souveränität dieser Staaten unerlässlich. Es ist aber auch wichtig, dass wir die Vereinigten Staaten zuhause stärken.

Wir stehen kurz davor, diese Kriege aus einer Machtposition heraus zu beenden. Vor zehn Jahren klaffte eine offene Wunde aus verbogenem Stahl im Zentrum dieser Stadt und das Herz der Stadt war zerrissen. Heute entsteht am Ground Zero ein neuer Turm, der die Wiedergeburt der Stadt New York symbolisiert, besonders, da Al Kaida jetzt noch stärker unter Druck steht als je zuvor. Die Führung von Al Kaida wurde geschwächt. Osama bin Laden, der Mann, der Tausende Menschen aus unterschiedlichen Ländern getötet hat, wird den Weltfrieden nie wieder gefährden.

Ja, wir haben zehn schwere Jahre durchlebt. Aber heute stehen wir an einem Scheidepunkt der Geschichte und haben die Möglichkeit, große Schritte in Richtung Frieden zu unternehmen. Um dies auch tun zu können, müssen wir uns auf die Weisheit derer besinnen, die diese Institution geschaffen haben. Die Charta der Vereinten Nationen ruft uns dazu auf „den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren“. Artikel eins der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ruft uns in Erinnerung: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Diese grundlegenden Überzeugungen – über die Verantwortlichkeit von Staaten und die Rechte von Frauen und Männern – müssen uns leiten.

Wir können dabei zuversichtlich sein. Dieses Jahr ist geprägt von tiefgreifenden Veränderungen. Mehr Nationen sind für die Erhaltung des Weltfriedens und der Sicherheit eingetreten. Mehr Menschen haben ihre universellen Rechte auf ein Leben in Würde und Freiheit eingefordert.

Überlegen Sie einmal: Vor einem Jahr, als wir hier in New York zusammengekommen sind, war ein erfolgreiches Referendum im Südsudan noch sehr unwahrscheinlich. Aber die internationale Staatengemeinschaft hat alte Hindernisse überwunden, um das Abkommen zu unterstützen, das dem Südsudan das Recht auf Selbstbestimmung gab. Und vorigen Sommer, als in Juba eine neue Flagge gehisst wurde, legten ehemalige Soldaten ihre Waffen nieder, Frauen und Männer weinten Freudentränen und Kinder konnten in eine Zukunft blicken, die sie selbst gestalten werden.

Vor einem Jahr standen die Menschen in der Elfenbeinküste vor entscheidenden Wahlen. Als der Amtsinhaber die Wahlen verlor und das Ergebnis nicht respektieren wollte, weigerte die Welt sich wegzuschauen.  Friedenstruppen der Vereinten Nationen wurden angegriffen, haben aber ihren Posten nicht aufgegeben. Der durch die Vereinigten Staaten, Nigeria und Frankreich angeführte Sicherheitsrat tagte, um den Willen der Bevölkerung zu stärken. Nun regiert der Mann dieses Land, der auch gewählt wurde.

Vor einem Jahr noch wurden die Hoffnungen und Wünsche des tunesischen Volkes unterdrückt. Aber sie wählten den würdevollen Weg des friedlichen Protests anstelle der Regierung durch eine eiserne Hand. Ein Händler entzündete ein Streichholz, das ihn das Leben kostete, an dem sich aber eine ganze Bewegung entzündete. Studenten riefen „Freiheit“, während gegen sie gewaltsam vorgegangen wurde. Die Machtstrukturen haben sich derart geändert, dass die Bürger den Herrscher nicht mehr fürchten. Die Bürger Tunesiens bereiten sich auf Wahlen vor, die sie der Demokratie, die sie verdienen, einen Schritt näher bringen werden.

Letztes Jahr war der Präsident Ägyptens bereits 30 Jahre im Amt. Aber 18 Tage lang war die Weltaufmerksamkeit auf den Tahrir-Platz gerichtet, wo das ägyptische Volk – Frauen und Männer, jung und alt, Muslime und Christen – seine universellen Rechte einforderte. Diese Proteste haben uns gezeigt, welche moralische Kraft der Gewaltverzicht entfalten kann, der die ganze Welt, von Neu Delhi bis Warschau, von Selma bis Südafrika, erleuchtete. Da wussten wir, dass der Wandel Ägypten und die arabische Welt erreicht hatte.

Letztes Jahr noch wurden die Menschen in Libyen von einem Diktator regiert, der schon so lange im Amt war, wie kein anderer auf der Welt. Im Angesicht von Bomben und Gewehrfeuer und eines Diktators, der sie alle wie Ratten jagen wollte, haben sie unverbrüchlichen Mut gezeigt. Niemals werden wir die Worte des Libyers vergessen, der in den ersten Tagen dieser Revolution sagte: „Jetzt sind unsere Worte frei.“ Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. Tag für Tag, im Bomben- und Kugelhagel, hielt das libysche Volk an dieser Freiheit fest. Als die Menschen in Libyen dann durch Gräueltaten bedroht wurden, wie sie im vergangenen Jahrhundert so oft ungehindert geschehen konnten, erfüllten die Vereinten Nationen die Versprechen ihrer Charta. Der Sicherheitsrat genehmigte alle Maßnahmen, um ein Massaker zu verhindern. Die Arabische Liga hatte um diese Bemühungen gebeten; arabische Staaten haben sich der durch die NATO angeführten Koalition angeschlossen, die Gaddafis Truppen aufgehalten hat.

In den darauf folgenden Monaten blieb der Wille der Koalition ungebrochen und der Wille des libyschen Volkes konnte nicht weiter ignoriert werden. 42 Jahre Tyrannei wurden innerhalb von sechs Monaten beendet. Von Tripolis bis Misrata und Benghasi ist Libyen heute ein freies Land. Gestern haben die führenden Politiker eines neuen Libyen ihren rechtmäßigen Platz in unseren Reihen eingenommen. Und diese Woche öffnen die Vereinigten Staaten wieder die Türen ihrer Botschaft in Tripolis.

So soll die internationale Staatengemeinschaft funktionieren – die Staaten setzen sich gemeinsam für Frieden und Sicherheit ein, und für Menschen, die ihre Rechte einfordern. Wir alle sind dazu verpflichtet, das neue Libyen und die neue libysche Regierung dabei zu unterstützen, diesen vielversprechenden Moment zu einem gerechten und dauernden Frieden für alle Libyer zu machen.

Wir haben ein außergewöhnliches Jahr hinter uns. Das Gaddafi-Regime wurde gestürzt. Gbagbo, Ben Ali und Mubarak sind nicht mehr an der Macht. Osama bin Laden ist tot und die Vorstellung, dass Wandel nur mit Gewalt erreicht werden kann, ist mit ihm begraben worden. Unsere Welt befindet sich im Wandel. So wie die Dinge waren, werden sie nicht bleiben. Die erniedrigende Herrschaft von Korruption und Tyrannei ist vorbei. Dessen müssen die Diktatoren sich jetzt bewusst sein. Der technologische Fortschritt bedeutet mehr Macht in den Händen der Menschen. Die jungen Menschen erteilen der Diktatur eine starke Absage und weisen die Behauptung, einige Völker, Religionen oder Ethnien wünschten sich die Demokratie nicht, als Lüge zurück. Das auf Papier festgehaltene Versprechen – „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ – kommt seiner Erfüllung näher.

Aber wir dürfen nicht vergessen: Frieden zu erreichen, ist ein schwieriges Unterfangen. Frieden ist ein schwieriges Unterfangen. Fortschritt kann zu Rückschritt werden. Wohlstand braucht Zeit. Eine Gesellschaft kann entzweit werden. Wir müssen unseren Erfolg daran messen, ob die Menschen in dauerhaftem Frieden, in Würde und in Sicherheit leben können. Die Vereinten Nationen und ihre Mitgliedsstaaten müssen ihren Teil dazu beitragen, dass diese grundsätzlichen Werte und Ziele erreicht werden können. Aber wir müssen noch mehr tun.

In Iran erleben wir eine Regierung, die sich weigert, die Rechte ihrer Bevölkerung anzuerkennen. Während wir heute hier zusammenkommen, werden Männer, Frauen und Kinder durch das syrische Regime gefoltert, verhaftet und umgebracht. Tausende sind bereits getötet worden, viele während des heiligen Monats Ramadan. Tausende andere haben Syrien verlassen. Die syrische Bevölkerung hat in ihrem Streben nach Gerechtigkeit Würde und Mut gezeigt, sie hat friedlich protestiert, stumm die Straßen gefüllt, für dieselben Werte das Leben gelassen, für die diese Institution stehen soll. Die Frage, die sich uns stellt, ist eindeutig: Werden wir den Syrerinnen und Syrern oder ihren Unterdrückern zur Seite stehen?

Die Vereinigten Staaten haben bereits starke Sanktionen gegen die syrische Führungsriege erlassen. Wir haben eine Übergabe der Macht unterstützt, die die Wünsche der syrischen Bevölkerung berücksichtigt. Viele unserer Verbündeten haben bei diesen Bemühungen mitgewirkt. Aber um Syriens willen – und für Frieden und Sicherheit auf der Welt – müssen wir mit einer Stimme sprechen. Es gibt keine Entschuldigung für Tatenlosigkeit. Jetzt ist es an der Zeit, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen das syrische Regime mit Sanktionen belegt und hinter dem syrischen Volk steht.

Wir müssen in der ganzen Region auf den Ruf nach Veränderungen eingehen. Im Jemen versammeln sich tagtäglich Frauen, Männer und Kinder zu Tausenden in kleinen und großen Städten in der Hoffnung, dass ihre Entschlossenheit und das Blut, das sie vergossen haben, gegen das korrupte System bestehen werden. Die Vereinigten Staaten unterstützen dieses Streben. Wir müssen mit den Nachbarstaaten des Jemen und unseren Partnern auf der Welt zusammenarbeiten, um einen Weg beschreiten zu können, der so bald wie möglich eine friedliche Übergabe der Macht von Präsident Saleh und eine Bewegung hin zu freien und gerechten Wahlen ermöglicht.

In Bahrain sind erste Schritte in Richtung Reform und Rechenschaftspflicht unternommen worden. Diese Entwicklung begrüßen wir, aber es braucht noch viel mehr. Die Vereinigten Staaten sind ein enger Partner von Bahrain und werden die Regierung und die Opposition – die Wifaq – dazu aufrufen, einen Dialog zu führen, der einen friedlichen, den Wünschen der Menschen entgegenkommenden Wandel herbeiführt. Unseres Erachtens muss der Patriotismus, der die Menschen in Bahrain zusammenhält, stärker sein als die sektiererischen Kräfte, die sie auseinander treiben würden. Das wird schwierig werden, aber es ist möglich.

Wir glauben, dass jede Nation ihren eigenen Weg finden muss, um die Hoffnungen und Wünsche ihrer Bevölkerung zu erfüllen, und die Vereinigten Staaten werden nicht immer mit allen Parteien oder Personen übereinstimmen, die ihre politische Meinung kundtun. Aber wir werden immer für die universellen Rechte eintreten, die diese Versammlung in Ehren hält. Diese Rechte erfordern freie und gerechte Wahlen, eine transparente und verantwortungsvolle Regierungsführung, Achtung für die Rechte von Frauen und Minderheiten sowie Gerechtigkeit für alle. Das verdienen unsere Bürger. Das sind die Elemente des Friedens, die von Dauer sein können.

Darüber hinaus werden die Vereinigten Staaten weiterhin die Staaten mit Handel und Investitionen unterstützen, die sich im Übergang zur Demokratie befinden, damit nach dem Frieden auch wirtschaftliche Chancen für die Menschen Einzug halten. Wir werden nicht nur enger mit den Regierungen, sondern auch mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, mit Studenten und Unternehmern, politischen Parteien und den Medien. Wir haben denjenigen, die die Menschrechte verletzen, die Einreise in unser Land verboten. Wir haben diejenigen, die in anderen Ländern die Menschenrechte mit Füßen treten, mit Sanktionen belegt. Wir werden immer die Stimme derer sein, die zum Schweigen gebracht wurden.

Ich weiß, dass es gerade in dieser Woche ein vorherrschendes Thema für einige der hier Anwesenden gibt, das sie als Nagelprobe für unsere Prinzipien und als Test für die amerikanische Außenpolitik sehen. Das ist der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.

Vor einem Jahr stand ich an diesem Rednerpult und habe ein unabhängiges Palästina gefordert. Damals glaubte ich, und ich glaube auch jetzt, dass das palästinensische Volk einen eigenen Staat verdient hat. Aber ich habe auch gesagt, dass wirklicher Frieden nur zwischen Israelis und Palästinensern selbst entstehen kann. Ein Jahr später haben trotz der umfassenden Bemühungen durch die Vereinigten Staaten und andere Länder beide Seiten ihre Differenzen nicht überbrücken können. Angesichts dieser Pattsituation habe ich im Mai dieses Jahres eine neue Verhandlungsbasis geschaffen. Die Grundlage ist eindeutig. Sie ist uns allen bekannt. Die Israelis müssen wissen, dass jedes Abkommen auch ihre Sicherheit gewährleistet. Die Palästinenser haben es verdient, die territorialen Grundlagen für ihren Staat zu kennen.

Ich weiß, dass viele Menschen frustriert sind, weil der Fortschritt ausbleibt. Ich bin es auch, das versichere ich Ihnen. Aber das Ziel, das wir erreichen wollen, ist klar – die Frage ist nur, wie wir es erreichen können. Ich bin davon überzeugt, dass es für einen Konflikt, der schon Jahrzehnte andauert, keine schnelle Lösung gibt. Frieden zu erlangen, ist harte Arbeit. Wir können Frieden nicht durch Reden und Resolutionen bei den Vereinten Nationen erreichen. Wenn es so einfach wäre, hätten wir es bereits geschafft. Letztendlich sind es Israelis und Palästinenser, die Seite an Seite miteinander leben müssen. Letztendlich sind es Israelis und Palästinenser – und nicht wir – die bei diesen Themen, die sie spalten, zu einer Übereinkunft gelangen müssen: Grenzen und Sicherheit, Flüchtlinge und Jerusalem.

Letztendlich hängt der Frieden von den Kompromissen derjenigen Menschen ab, die noch lange nachdem unsere Reden verklungen und unsere Stimmen ausgezählt sind, miteinander leben müssen. Das haben wir von Nordirland gelernt, wo ehemalige Gegner ihre Differenzen überwunden haben. Das haben wir vom Sudan gelernt, wo eine Verhandlungslösung zu einem unabhängigen Staat führte. Und dies ist und wird auch der Weg zu einem palästinensischen Staat sein – Verhandlungen zwischen zwei Parteien.

Wir möchten, dass die Palästinenser in Zukunft in ihrem eigenen souveränen Staat leben können und ihr Potenzial nicht eingeschränkt wird. Dieser Wunsch der Palästinenser ist schon viel zu lange aufgeschoben worden. Und weil wir so sehr an die Wünsche des palästinensischen Volkes glauben, haben die Vereinigten Staaten so viel Zeit und so viel Mühe in den Aufbau eines palästinensischen Staates und in Verhandlungen investiert, die zu einem Palästinenserstaat führen können.

Aber eines muss auch klar sein: Das amerikanische Engagement für die Sicherheit Israels ist unerschütterlich. Unsere Freundschaft zu Israel ist tiefgehend und dauerhaft. Daher glauben wir, dass auch die tagtäglichen, realen Sicherheitsbedenken Israels berücksichtigt werden müssen, um dauerhaften Frieden zu erreichen.

Wir müssen ehrlich zu uns selbst sein. Israel ist von Nachbarn umgeben, die wiederholt Krieg gegen Israel geführt haben. Israelische Bürger sind durch Raketen, die auf ihre Häuser gefeuert wurden, und durch Selbstmordattentate in Bussen getötet worden. Israelische Kinder wachsen in dem Wissen auf, dass den Kindern in ihren Nachbarländern beigebracht wird, sie zu hassen. Israel ist ein kleines Land mit weniger als acht Millionen Einwohnern, und es sieht sich anderen, weitaus größeren Nationen gegenüber, die damit drohen, dieses Land auszulöschen. Das jüdische Volk trägt die Last jahrhundertelangen Exils und andauernder Verfolgung. Auch die Erinnerung an die sechs Millionen Menschen, die aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ermordet wurden, wiegt schwer. Das sind die Fakten. Wir können sie nicht in Abrede stellen.

Das jüdische Volk hat in seinem historischen Heimatland einen erfolgreichen Staat aufgebaut. Israel verdient Anerkennung. Es verdient normale Beziehungen mit seinen Nachbarstaaten. Verbündete der Palästinenser tun den Palästinensern keinen Gefallen, wenn sie diese Tatsache ignorieren. Genauso müssen die Partner Israels die Notwendigkeit einer Zweistaatenlösung mit einem sicheren Israel neben einem unabhängigen Palästina anerkennen.

Das ist die Wahrheit. Beide Seiten haben berechtigte Wünsche, und genau das macht den Frieden zu einem so schwierigen Unterfangen. Wir können den Stillstand nur auflösen, wenn beide Seiten bereit sind, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen. Das ist es, wozu wir ermutigen sollten. Das ist es, was wir fördern sollten.

Diese Institution, die aus der Asche des Kriegs und des Völkermords hervorging, die sich der Würde jedes einzelnen Menschen verschrieben hat, muss die Realität anerkennen, die sowohl die Israelis als auch die Palästinenser erleben. Wir müssen unser Handeln stets daran messen, ob es das Recht der israelischen und palästinensischen Kinder darauf fördert, ihr Leben in Frieden und Sicherheit mit Würde und Zukunftschancen zu leben. Wir können darin nur erfolgreich sein, wenn wir die beiden Parteien an einen Tisch bringen, sie einander zuhören und die Hoffnungen und Ängste des anderen verstehen. Diesem Projekt haben die Vereinigten Staaten sich verschrieben. Es gibt keine Abkürzungen auf diesem Weg. Genau darauf sollten die Vereinten Nationen sich in den nächsten Wochen und Monaten konzentrieren.

Während wir diese Herausforderungen von Konflikt und Revolution angehen, müssen wir auch anerkennen und uns daran erinnern, dass Frieden nicht nur die Abwesenheit von Krieg bedeutet. Wahrer Frieden verlangt, dass wir die Möglichkeiten bekommen, die das Leben lebenswert machen. Um dies tun zu können, müssen wir die Feinde der Menschheit bekämpfen: Kernwaffen und Armut, Ignoranz und Krankheiten. Sie gefährden nachhaltigen Frieden, und wir sind zusammen dazu aufgerufen, uns ihnen zu stellen.

Um der Gefahr einer Massenvernichtung zu entgehen, müssen wir gemeinsam nach Frieden und Sicherheit in einer Welt ohne Kernwaffen streben. In den letzten zwei Jahren haben wir die ersten Schritte in diese Richtung unternommen. Seit des Gipfels zur nuklearen Sicherheit in Washington haben fast 50 Staaten Schritte unternommen, um atomare Materialien vor Terroristen und Schmugglern zu schützen. Im März werden wir in Seoul einen weiteren Gipfel veranstalten, um schließlich alle Lager atomarer Materialien zu schließen. Der Neue START-Vertrag zwischen Russland und den Vereinigten Staaten wird unsere Arsenale auf das niedrigste Niveau seit 50 Jahren herunterfahren, und unsere Länder führen weiterhin Gespräche darüber, wie noch weitere Reduzierungen erzielt werden können. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin an einem Teststoppabkommen für Kernwaffen und für das dazu benötigte spaltbare Material arbeiten.

Wir haben damit begonnen, uns in die richtige Richtung zu bewegen. Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Wenn wir unsere Verpflichtungen erfüllen, stärken wir auch die Verträge und Institutionen, die die Verbreitung dieser Waffen verhindern. Um dies zu tun, müssen wir auch weiterhin die Nationen zur Rechenschaft ziehen, die diese Verträge brechen.

Die iranische Regierung kann nicht darlegen, dass ihr Programm friedliche Zwecke verfolgt. Sie hat ihre Verpflichtungen nicht eingehalten und lehnt Angebote ab, die ihr zivile Kernkraft bringen würden. Nordkorea muss noch konkrete Schritte in Richtung der Aufgabe seiner Waffen unternehmen, und geht weiter aggressiv gegen den Süden vor. Es gibt eine bessere Zukunft mit mehr Chancen für die Völker dieser beiden Nationen, wenn ihre Regierungen ihre internationalen Verpflichtungen erfüllen. Aber wenn sie sich weiterhin so verhalten und gegen das Völkerrecht verstoßen, muss ihnen mit größerem Druck und mehr Isolation begegnet werden. Das verlangt unser Engagement nach Frieden und Sicherheit.

Um unseren Bürgern Wohlstand zu bringen, müssen wir Wachstum fördern, das Chancen schafft. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir während der vergangenen Jahrzehnte enorme Fortschritte gemacht haben. In sich geschlossene Gesellschaften haben sich für Märkte geöffnet. Innovation und Unternehmergeist haben verändert, was wir tun und wie wir leben. Schwellenländer von Asien bis in die beiden amerikanischen Kontinente haben Millionen Menschen aus der Armut gerettet. Das ist eine unglaubliche Errungenschaft. Dennoch wurden wir vor drei Jahren mit der schwersten Wirtschaftskrise der letzten 80 Jahre konfrontiert. Und durch diese Krise ist eines mit jedem vergehenden Jahr klarer geworden: Unser Schicksal ist mit dem aller anderen eng verbunden. In einer globalen Wirtschaft werden Nationen zusammen aufsteigen oder zusammen absteigen.

Heute bewältigen wir die Herausforderungen, die diese Krise mit sich brachte. Überall auf der Welt ist die Erholung noch schwach. Die Märkte sind nach wie vor unbeständig. Zahlreiche Menschen sind arbeitslos. Viele andere kommen gerade so über die Runden. Wir haben 2009 zusammengearbeitet, um eine Depression abzuwenden. Wir müssen noch einmal rasch und koordiniert handeln. Hier in den Vereinigten Staaten habe ich einen Plan vorgelegt, der Arbeitsplätze für die Amerikaner schafft und unsere Wirtschaft wieder ankurbelt. Gleichzeitig setze ich mich sehr dafür ein, unser Defizit stark zu reduzieren.

Wir stehen unseren Partnern in Europa zur Seite, während sie ihre Institutionen reformieren und ihre finanziellen Herausforderungen angehen. In anderen Ländern sehen sich die Politiker anderen Herausforderungen gegenüber, während ihre Volkswirtschaften eigenständiger werden, und sie die Binnennachfrage fördern und gleichzeitig die Inflation reduzieren. Wir werden also mit den Schwellenländern zusammenarbeiten, die sich gut erholt haben, damit die höher werdenden Lebensstandards neue Märkte schaffen, die das weltweite Wachstum fördern. Das verlangt unser Engagement für Wohlstand.

Um die Armut zu bekämpfen, die die Kinder unserer Welt peinigt, müssen wir zusammen in dem Glauben handeln, dass Freiheit von Not ein grundlegendes Menscherecht ist. Die Vereinigten Staaten haben die Versorgung von Menschen mit Lebensmitteln in den Mittelpunkt ihres Engagements im Ausland gerückt. Und heute, da Dürre und Konflikt eine Hungersnot im Horn von Afrika ausgelöst haben, ruft unser Gewissen uns zum Handeln auf. Wir müssen weiterhin zusammen Hilfe leisten und Organisationen unterstützen, die die Bedürftigen erreichen. Gemeinsam müssen wir auf uneingeschränkten Zugang für humanitäre Hilfe bestehen, damit wir Tausenden Frauen, Männern und Kindern das Leben retten können. Unsere Menschlichkeit steht auf dem Spiel. Lassen Sie uns zeigen, dass das Leben eines Kindes in Somalia genauso kostbar ist wie jedes andere. Das verlangt unser Engagement für unsere Mitmenschen.

Um Krankheiten aufzuhalten, die sich über Grenzen hinweg verbreiten, müssen wir unser öffentliches Gesundheitssystem stärken. Wir werden auch weiterhin gegen HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria kämpfen. Wir werden uns weiterhin auf die Gesundheit von Müttern und Kindern konzentrieren. Und wir werden uns gemeinsam dafür einsetzen, jede Art von biologischer Gefahr auszumachen, zu verhindern und zu bekämpfen, sei es eine Pandemie wie H1N1, eine terroristische Bedrohung oder eine behandelbare Krankheit.

Diese Woche haben die Vereinigten Staaten ein Abkommen mit der Weltgesundheitsorganisation unterzeichnet, um unser Engagement für diese Ziele zu erneuern. Heute rufe ich alle Nationen dazu auf, zusammen mit uns das Ziel der WHO zu erreichen, das garantiert, dass alle Länder bis 2012 die Fähigkeiten haben, Notfälle im öffentlichen Gesundheitswesen anzugehen. Das verlangt unser Einsatz für die Gesundheit unserer Bürgerinnen und Bürger.

Um unseren Planeten zu erhalten, dürfen wir nichts unterlassen, was der Klimawandel von uns verlangt. Wir müssen von der Kraft der Wissenschaft profitieren, um knappe Ressourcen zu schützen. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, den in Kopenhagen und Cancún gemachten Fortschritt weiter auszubauen, damit die größten, heute anwesenden Volkswirtschaften ihre eingegangenen Verpflichtungen umsetzen. Wir müssen zusammen daran arbeiten, die Energie umzugestalten, die unsere Volkswirtschaften antreibt, und andere unterstützen, die diesen Weg eingeschlagen haben. Das verlangt unser Engagement für die kommende Generation.

Um sicherzustellen, dass unsere Gesellschaft ihr Potenzial entfalten kann, müssen wir es unseren Bürgern ermöglichen, ihr Potenzial zu entfalten. Kein Land kann sich Korruption leisten, die die Welt quält. Zusammen müssen wir die Kraft der offenen Gesellschaften und der offenen Märkte nutzen. Deswegen haben wir uns mit Ländern aus der ganzen Welt zusammengetan, um eine neue Partnerschaft für eine offene Regierung zu gründen, die Rechenschaftspflicht sicherstellt und durch die die Bürger größeren Einfluss haben. Kein Land sollte seiner Bevölkerung das Recht auf freie Meinungsäußerung oder die Religionsfreiheit verwehren. Kein Land sollte Menschen aufgrund der Person, die sie lieben, ihre Rechte absprechen. Deswegen müssen wir uns überall für die Rechte von Homosexuellen einsetzen.

Kein Land kann sein Potenzial voll entfalten, wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht dazu in der Lage ist. Diese Woche haben die Vereinigten Staaten eine neue Erklärung zu Frauen und politischer Teilhabe unterzeichnet. Nächstes Jahr sollten wir alle die Schritte erläutern, die wir unternehmen, um die wirtschaftlichen und politischen Hindernisse abzubauen, die Frauen und Mädchen im Weg stehen. Das verlangt unser Engagement für menschlichen Fortschritt.

Ich weiß, dass es keinen direkten Weg und auch nicht „den einen“ Weg zum Erfolg gibt. Wir kommen aus verschiedenen Kulturen und jeder von uns hat seine eigene Geschichte. Aber lassen Sie uns niemals vergessen, dass wir hier zwar als Vertreter verschiedener Regierungen zusammenkommen, aber Bürger vertreten, die dieselben, grundlegenden Hoffnungen und Wünsche teilen, nämlich in Würde und Freiheit zu leben, Bildung zu genießen und Chancen zu nutzen, ihre Familien zu lieben, ihren Gott anzubeten und zu lieben und in dem Frieden zu leben, der das Leben lebenswert macht.

Es liegt in der Natur unserer unvollkommenen Welt, dass wir diese Erfahrungen immer und immer wieder machen müssen. Konflikt und Unterdrückung werden so lange andauern, bis die ersten Menschen damit aufhören, anderen etwas anzutun, von dem sie nicht wollen, dass man es ihnen antut. Genau dafür haben wir Institutionen wie diese aufgebaut – um unsere Schicksale miteinander zu verknüpfen, um uns zu helfen, einander im anderen wiederzuerkennen –, denn jene, die vor uns kamen, haben geglaubt, dass der Frieden dem Krieg, die Freiheit der Unterdrückung, und der Wohlstand der Armut vorzuziehen ist. Diese Botschaft wird nicht von Hauptstädten ausgesandt, sondern von unseren Bürgern, unseren Völkern.

Als der Grundstein für dieses Gebäude gelegt wurde, kam Präsident Truman nach New York und sagte: „Die Vereinten Nationen sind im Kern Ausdruck der moralischen Natur menschlichen Strebens.“ Die moralische Natur menschlichen Strebens. In der Welt, in der wir leben, in der sich alles unglaublich schnell ändert, ist dies eine Lektion, die wir niemals vergessen dürfen.

Frieden ist schwierig zu erlangen, aber wir wissen, dass es möglich ist. Fassen wir also gemeinsam den Entschluss, dass nicht unsere Ängste den Frieden definieren sollen, sondern unsere Hoffnungen. Lassen Sie uns also Frieden schaffen, aber vor allem einen Frieden, der von Dauer ist.

Vielen herzlichen Dank.

Originaltext: Remarks by President Obama in Address to the United Nations General Assembly

3 thoughts on “Obama vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen

  1. Nächstes Jahr sollten wir alle die Schritte erläutern, die wir unternehmen, um die wirtschaftlichen und politischen Hindernisse abzubauen, die Frauen und Mädchen im Weg stehen. Das verlangt unser Engagement für menschlichen Fortschritt.

  2. Next year we should explain all the steps we are taking to break down economic barriers and political standing in the way of women and girls. This requires our commitment to human progress.

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