Konzert der Hoffnung

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von US-Präsident Barack Obama anlässlich des Konzerts „A Concert for Hope” vom 11. September 2011.

In der Bibel lesen wir: „Den Abend lang währt das Weinen, aber des Morgens ist Freude.“

Vor zehn Jahren durchlebten die Vereinigten Staaten einige ihrer dunkelsten Stunden. Mächtige Türme stürzten ein. Schwarzer Rauch stieg über dem Pentagon auf. Auf einem Feld in Pennsylvania brannte das Wrack eines Flugzeugs aus. Freunde und Nachbarn, Schwestern und Brüder, Mütter und Väter, Söhne und Töchter – sie sind uns innerhalb weniger Augenblicke mit einer Grausamkeit genommen worden, die uns das Herz brach. Am 12. September 2001 sind wir in einer Welt aufgewacht, in der das Böse näher gekommen war und Unsicherheit wie ein dunkler Schatten über unserer Zukunft hing.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich für die Amerikaner allerdings sehr viel geändert. Wir haben Krieg und Rezession, leidenschaftliche Debatten und politische Diskrepanzen erlebt. Die Menschen, die an diesem Tag starben und in den darauf folgenden Kriegen ihr Leben opferten, werden nie zu uns zurückkehren.

Dennoch ist es wichtig, dass wir uns heute auch in Erinnerung rufen, was sich nicht geändert hat. Unser Wesen als Nation ist immer noch dasselbe. Unser Glaube – an Gott und aneinander – ist immer noch derselbe: Unser Glaube an die Vereinigten Staaten, die aus dem zeitlosen Ideal heraus entstanden sind, dass Männer und Frauen sich selbst regieren sollten, dass alle Menschen gleich geschaffen sind und dieselbe Freiheit verdienen, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Dieser Glaube ist durch schwierige Prüfungen nur gestärkt worden.

In den vergangenen zehn Jahren haben die Vereinigten Staaten gezeigt, dass sie sich nicht von Angst überwältigen lassen. Die Rettungskräfte, die an den Unglücksort eilten, die Feuerwehrleute, die die Treppen erklommen, die Passagiere, die das Cockpit stürmten – diese Patrioten haben Mut in reiner Form bewiesen. Während der letzten Jahre haben wir auch eine stillere Form des Heldentums erlebt – bei der Feuerwehr, die so viele Mitarbeiter verloren hat und immer noch jeden Tag Leben rettet, bei den Unternehmen, die aus dem Nichts wieder neu aufgebaut wurden, bei den Brandopfern, die wieder auf die Beine gekommen sind, bei den Familien, die ihr Leben weiterleben.

Im vergangenen Frühjahr schrieb mir eine Frau namens Suzanne Swaine einen Brief. Sie hat durch die Anschläge ihren Mann und ihren Bruder verloren und ist, wie sie sagt, „so vieler eigentlich stolzer Momente beraubt worden, in denen ein Vater sein Kind bei der Abschlussfeier erlebt, wie es beim Lacrosse gewinnt oder später im Studium Erfolg hat.“  Aber ihre Töchter sind auf dem College, ein anderes ihrer Kinder geht zur High School. „Seit zehn Jahren erziehe ich meine Mädchen jetzt schon allein“, schrieb sie. „Ich bin so stolz auf ihre Stärke und Widerstandskraft.“ Diese Einstellung zeichnet unsere amerikanische Familie aus. Besser als durch ihre hoffnungsvolle Zukunft hätten diese Mädchen die hasserfüllten Terroristen, die ihren Vater getötet haben, nicht zurückweisen können.

In den vergangenen zehn Jahren haben wir die Entschlossenheit erlebt, mit der die Vereinigten Staaten ihre Bürger und ihren Lebensstil verteidigen. Diplomaten leisten ihren Dienst an entlegenen Orten und Geheimdienstmitarbeiter arbeiten unermüdlich ohne jede Anerkennung. Zwei Millionen Amerikaner sind seit dem 11. September in den Krieg gezogen. Sie haben gezeigt, dass diejenigen, die uns schaden wollen, der Gerechtigkeit nirgendwo auf der Welt entkommen können. Die Vereinigten Staaten werden nicht von Wehrpflichtigen verteidigt, sondern von Bürgern, die sich freiwillig zum Dienst gemeldet haben – junge Menschen, die nach Abschluss der High School zu den Streitkräften gegangen sind, Nationalgardisten und Reservisten, Arbeitnehmer und Unternehmer, Einwanderer und Nachkommen von Soldaten in der vierten Generation. Diese Frauen und Männer haben ihr beschauliches Leben für zwei, drei, vier oder fünf Einsätze aufgegeben. Zu viele von ihnen werden niemals nach Hause zurückkehren. Und diejenigen, die zurückkommen, werden von dunklen Erinnerungen an entlegene Orte und gefallene Freunde heimgesucht.

Die Opfer, die diese Frauen und Männer und die Familien der Militärangehörigen gebracht haben, führen uns vor Augen, dass der Krieg seinen Tribut fordert, dass der Dienst für unser Land zwar ruhmreich ist, der Krieg selbst es aber niemals sein kann. Unsere Streitkräfte waren an Orten, die vielen Amerikanern vor zehn Jahren noch völlig unbekannt waren: Kandahar und Kabul, Mosul und Basra. Unsere Stärke wird aber nicht daran gemessen, ob wir die Fähigkeit besitzen, an diesen Orten zu bleiben. Sie wird vielmehr an unserem Engagement dafür gemessen, diese Orte freien Menschen und souveränen Staaten zu überlassen und von einem Jahrzehnt des Krieges in eine Zukunft des Friedens überzugehen.

Die vergangenen zehn Jahre haben gezeigt, dass wir an unseren Freiheiten festhalten. Ja, wir sind wachsamer gegenüber denjenigen, die uns bedrohen, und unsere Verteidigungsmaßnahmen bringen auch Schwierigkeiten mit sich. Die Diskussionen in den vergangenen zehn Jahren – über Krieg und Frieden, über Sicherheit und bürgerliche Freiheiten – sind oftmals hitzig gewesen. Aber genau an dieser Härte der Diskussion und an unserer Fähigkeit, sie auf eine Art und Weise zu führen, die unsere Werte und unsere Demokratie in Ehren hält, werden wir gemessen. Gleichzeitig bieten unsere offenen Märkte Innovatoren noch immer die Möglichkeit, kreativ und erfolgreich zu sein, unsere Bürger haben die Freiheit, ihre Meinung zu äußern, unser Innerstes wird in Kirchen und Tempeln, Synagogen und Moscheen berührt.

Die vergangenen zehn Jahre zeigen uns, wie eng wir Amerikaner miteinander verbunden sind. Wir haben weder Verdächtigungen noch Misstrauen nachgegeben. Es gereicht Präsident Bush zur Ehre, dass er nach dem 11. September deutlich gemacht, was wir heute bekräftigen: Die Vereinigten Staaten werden niemals gegen den Islam oder gegen eine andere Religion in den Krieg ziehen. Unsere Einwanderer kommen aus allen Teilen der Welt zu uns. In den größten Städten und kleinsten Dörfern, in Schulen und an Arbeitsplätzen sieht man Menschen verschiedener Religionen, verschiedener Herkunft, verschiedener Abstammung – und alle leisten den Treueschwur auf die amerikanische Flagge, alle wollen für sich den amerikanischen Traum verwirklichen – e pluribus unum, aus vielen Eins.

Die vergangenen zehn Jahre erzählen die Geschichte unserer inneren Stärke. Das Pentagon wurde wieder aufgebaut, und nun arbeiten dort zahlreiche Patrioten vereint an einem gemeinsamen Ziel. Shanksville ist ein Ort der Freundschaft, die sich zwischen den Bewohnern dieser Stadt und den Familien entwickelt hat, die dort Angehörige verloren haben. New York bleibt die lebendigste Hauptstadt der Kunst, der Wirtschaft, der Mode und des Handels. Wo einst das World Trade Center stand, spiegelt sich nun die Sonne in einem neuen Hochhaus wider, das in den Himmel reicht.

Amerikaner arbeiten immer noch in Wolkenkratzern. Unsere Stadien sind immer noch gefüllt und unsere Parks sind voll von spielenden Kindern. Unsere Flughäfen fertigen zahllose Passagiere ab, unsere Busse und U-Bahnen bringen Millionen Passagiere an ihr Ziel. Familien essen Sonntagabends zusammen und Schüler machen ihre Hausaufgaben. Dieses Land lebt von dem Optimismus derer, die sich in die Ferne aufgemacht haben, und vom Mut derer, die für die menschliche Freiheit gestorben sind.

In einigen Jahrzehnten werden Amerikaner die Gedenkstätten für die Opfer des 11. September besuchen. Sie werden mit den Fingern die in Marmor und Stein gravierten Namen ihrer Angehörigen nachzeichnen und sich fragen, was für ein Leben sie wohl gelebt hätten. Sie werden vor den weißen Grabsteinen in Arlington, auf stillen Friedhöfen und kleinen Dorfplätzen im ganzen Land stehen und jenen Ehre erweisen, die in Afghanistan und Irak gestorben sind. An Statuen und Brücken, in Gärten und Schulen werden sie die Namen der Gefallenen lesen.

Und sie werden wissen, dass es nichts gibt, das den Willen von wirklich Vereinigten Staaten von Amerika brechen kann. Sie werden sich daran erinnern, dass wir Sklaverei und Bürgerkrieg überstanden haben, dass wir Bedürftigkeit und Faschismus, Rezession und Aufstände, Kommunismus und, ja, Terrorismus überstanden haben. Sie werden daran erinnert werden, dass wir nicht perfekt sind, unsere Demokratie aber von Dauer ist, und dass Demokratie – die die Fehlbarkeit des Menschen widerspiegelt – uns auch die Möglichkeit gibt, unsere Einheit zu stärken. Diese Dinge halten wir in diesen Tagen des nationalen Gedenkens in Ehren – diese Aspekte amerikanischer Erfahrungen, die von Dauer sind, ebenso wie den Willen, als ein Volk Fortschritte zu erzielen.

Vielmehr als Denkmäler werden die Feuerwehrleute, die in die Flammen gestürmt sind, die Soldaten, die sich freiwillig gemeldet haben, die Arbeiter, die neue Hochhäuser aufgebaut und die Bürger, die ihre Ängste besiegt haben, das Vermächtnis des 11. September sein. Vor allem werden es die Kinder sein, die die Träume ihrer Eltern verwirklicht haben. Man wird über uns sagen, dass wir uns unseren Glauben bewahrt haben, dass wir einen schmerzlichen Schlag erleiden mussten, dass uns dieser aber gestärkt hat.

„Den Abend lang währt das Weinen, aber des Morgens ist Freude.“

Lassen Sie uns mit einem gerechten Gott, der uns leitet, diejenigen ehren, die von uns gegangen sind. Bekennen wir uns noch einmal zu den Idealen, die unsere Nation ausmachen. Lassen Sie uns hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.

Möge Gott die Erinnerung an die Verstorbenen segnen, und möge Gott die Vereinigten Staaten von Amerika segnen.

Originaltext: Remarks by the President at “A Concert for Hope”

 


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