Dialog mit Bürgern in Sarajewo

SARAJEWO – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die unwesentlich gekürzte Eingangserklärung von US-Außenministerin Hillary Rodham Clinton bei einem Dialog mit Studenten und Vertretern der Zivilgesellschaft im Nationaltheater in Sarajewo am 12. Oktober 2010.

Vielen herzlichen Dank. Es ist wunderbar, hier zu sein. Ich freue mich auf unser Gespräch.

Dies ist mein zweiter Besuch in Sarajewo und mein dritter in Bosnien-Herzegowina. Ich bin mit der einfachen Botschaft gekommen, dass die Vereinigten Staaten an die Zukunft dieses Landes und das Potenzial seiner jungen Menschen glauben. Ich möchte direkt mit Ihnen sprechen, denn diese Stadt liegt Millionen Amerikanern, die die Ereignisse in den Neunzigerjahren verfolgt und für den Frieden gearbeitet und gebetet haben, sehr am Herzen. Nun bin ich wieder in Sarajewo, nur wenige Wochen vor dem 15. Jahrestag des Friedensabkommens von Dayton, das dazu beitrug, den Krieg zu beenden und einen Rahmen für dauerhaften Frieden zu schaffen.

Dieses Theater ist ein passender Ort für unser Treffen. Über Jahrzehnte haben sich hier Künstler und Autoren, Intellektuelle, Bürger und Aktivisten getroffen, um Ideen auszutauschen, um vorzutragen, wie es ihrer Meinung nach weitergehen soll, um ihre Geschichten zu erzählen. Ich hoffe, dass Sie, die Bosnien-Herzegowina in Zukunft die Führung übernehmen werden, eine Geschichte zu erzählen haben, die mitreißend und positiv ist, die nicht nur eine Vision von der Zukunft zeichnet, sondern auch dazu beiträgt, sie zu verwirklichen. Ich möchte Ihre Anliegen und Fragen von Ihnen persönlich hören, aber zunächst möchte ich einige meiner Gedanken mit Ihnen teilen.

Der Balkan ist ein entscheidender Teil Europas – dynamisch und widerstandsfähig, mit einer reichen Geschichte und Kultur. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass die Geschichte auch von Schmerz und Konflikten gezeichnet ist. Aber die Menschen auf dem Balkan haben sehr hart gearbeitet, um die Gewalt zu überwinden und neue Wege zu finden und zu gehen.

Als ich 1996 kurz nach der Unterzeichung des Friedensabkommens von Dayton zum ersten Mal hier war, fingen die Menschen gerade erst an, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Viele Jahre lang waren einfache Dinge, wie die Kinder in die Schule zu schicken oder arbeiten zu gehen, die Wohnung zu heizen oder mit den Nachbarn zu sprechen, mit ernsthafter Gefahr verbunden. Deshalb war die bevorstehende Aufgabe gewaltig.

Aber nach 15 Jahren sehe ich enorme Fortschritte. Ich sehe unverkennbare Beweise dafür, dass die Menschen hier, ebenso wie in Kroatien, im Kosovo und in Serbien, versuchen, nach vorne zu blicken und nicht in der Vergangenheit verhaftet zu bleiben. Sehen Sie sich nur einmal in diesem Saal um. Viele von Ihnen sind Studenten oder Schüler. Einige von Ihnen sind bereits ins Ausland gereist oder haben dort studiert. Einige von Ihnen haben die Vereinigten Staaten besucht. Andere arbeiten hart, um ihre Familien zu unterstützen. Sie stehen für unterschiedliche Hintergründe, Ethnien und Religionen, und dennoch sitzen Sie hier heute in diesem Nationaltheater beieinander, um über Ihre gemeinsame Zukunft inmitten einer in Frieden lebenden Stadt zu sprechen.

Die Fortschritte sind also ermutigend, aber bei Weitem noch nicht ausreichend. Ja, man kann jetzt arbeiten oder zur Schule gehen, aber es gibt noch nicht genügend gute Arbeitsplätze. Der Hass hat abgenommen, aber der Nationalismus bleibt hartnäckig bestehen. Und das Versprechen von mehr Stabilität und Chancen durch die Integration in Europa ist noch nicht in Reichweite.

Vor diesen Problemen steht allerdings nicht nur dieses Land. Zu einem gewissen Grad gibt es sie in der gesamten Region. Zu meinen Gesprächen mit Regierungsvertretern hier in Sarajewo, in Belgrad und Pristina kam ich mit der gleichen Botschaft. Ich werde diese Botschaft wiederholen und hoffe, dass sie nicht nur von der Regierung gehört wird, sondern auch von den Menschen, die sie vertritt. Jetzt ist die Zeit, auf den Fortschritten der letzten Jahre aufzubauen. Jetzt ist die Zeit, demokratische Institutionen zu stärken, den Frieden zwischen Nachbarn zu festigen und die Bedingungen für langfristige politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fortschritte zu schaffen.

Für Serbien und den Kosovo bedeutet das unter anderem, dass sie ernsthaft und kreativ an den bevorstehenden Dialog herangehen müssen, um ihre Differenzen ein für alle Mal erfolgreich beiseite zu legen.

Hier in Bosnien und Herzegowina bedeutet dies, Ihr Engagement für einen souveränen Staat zu stärken, der Ergebnisse für alle Bürger liefert, indem Reformen verabschiedet werden, die grundlegende Dienstleistungen verbessern, mehr ausländisches Kapital anziehen und die Regierung effektiver und verantwortlicher gegenüber den Bürgern machen. Diese Reformen sind um ihrer selbst willen notwendig. Sie sind aber auch erforderlich, wenn Ihr Land sein Ziel erreichen möchte, Teil der Europäischen Union und der NATO zu werden.

Ihre Nachbarn haben bereits Schritte in diese Richtung unternommen, weil sie wissen, dass nachhaltiges Wirtschaftswachstum und langfristige Stabilität am besten erreicht werden können, wenn sie sich in Europa integrieren. Das europäische Parlament hat gerade erst mit überwältigender Mehrheit eine Liberalisierung der Visumregelungen für Bosnien-Herzegowina verabschiedet. Ich glaube, nach dem Wahlergebnis ist es nun Zeit, dass die Bürger dieses Landes auch ihre Stimme erheben. Denn ein Großteil der Arbeit muss zwar von Ihrer Regierung erledigt werden, aber die Politiker hören auf die Bürger und jeder einzelne von Ihnen hat seine Aufgabe dabei sicherzustellen, dass seine Stimme Teil dieses Dialogs ist.

Für junge Menschen steht besonders viel auf dem Spiel. Ich hoffe, dass Sie eine aktive politische Rolle übernehmen werden, bin mir aber bewusst, dass Sie andere Dinge im Kopf haben – zu studieren, zu arbeiten, eine Familie zu gründen, all das sind wichtige Prioritäten. Aber wir müssen uns fragen, was Sie in der Zukunft weiterbringen wird. Es mag einfacher erscheinen, anderen die Führung zu überlassen. Es mag sogar unmöglich erscheinen, überhaupt Fortschritte auszumachen, was wiederum Zynismus zur Folge haben kann. Aber ich bitte Sie eindringlich, sich an die schweren Zeiten zu erinnern, die Ihre Familien in diesem Land schon durchgemacht haben, und an die Zähigkeit und die anderen Eigenschaften, die Sie sie überstehen ließen.

Wenn Sie diese Stärken jetzt in die schwierige, aber lohnende Aufgabe leiten, Ihre Zukunft zu gestalten, werden Sie davon profitieren. Je mehr Sie sich engagieren, je mehr Sie von Ihrer politischen Führung verlangen, desto mehr können Sie zu politischem, wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt beitragen, der Ihnen Wohlstand und Chancen bringt. Und wenn Sie das tun, können Sie auf die Vereinigten Staaten als Ihren Partner zählen. Unsere Unterstützung für Sie, unsere Unterstützung für den Balkan ist ein Eckpfeiler unserer Außenpolitik. Aber sie steht auch für das starke Engagement der Amerikaner.

Im Laufe der Jahre haben wir Tausende amerikanische Soldaten geschickt, um bei der Bewahrung des Friedens zu helfen. Wir haben gut anderthalb Milliarden US-Dollar investiert, um beim Wiederaufbau Ihrer Infrastruktur, der Stärkung öffentlicher Einrichtungen, der Verbesserung der Bildung und der Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung zu helfen. Wir haben jedes Jahr beinahe 300 Millionen US-Dollar bereitgestellt, um den westlichen Balkanländern zu helfen, die Anforderungen der EU und der NATO zu erfüllen. Und wir haben Jahre intensiver und beharrlicher Diplomatie investiert, um Konflikte zu lösen und die Stabilität zu erhalten.

Nach meinem heutigen Besuch bei Ihnen werde ich bei der Zeremonie zur Einweihung des neuen amerikanischen Botschaftskomplexes hier in Sarajevo das Band durchschneiden. Es ist ein schönes Gebäude und ich hoffe, dass Sie alle irgendwann die Gelegenheit haben werden, es zu besuchen. Entlang dieses Gebäudes verläuft eine Straße, die ab heute den Namen „Robert-Frasure-Straße“ tragen wird.

Botschafter Robert Frasure war in den Monaten vor der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Dayton Stellvertretender Abteilungsleiter für den Balkan im US-Außenministerium. Seine Arbeit hier vor Ort half, dieses Abkommen möglich zu machen, die Gewalt und den Konflikt zu beenden. Wenige Monate, bevor es zum Abschluss kam, kamen er und zwei andere amerikanische Regierungsvertreter – Joseph Kruzel und Nelson Drew – bei einem Autounfall auf dem Igman ums Leben.

Botschafter Frasure glaubte fest an den Frieden und starb, während er sich für ihn einsetzte. Seine Frau Katharina, seine Töchter Virginia und Sarah und sein Schwiegersohn Garrett sind heute hier bei uns. Sie sind nicht nur wegen der Benennung der neuen Straße hier angereist, sondern um mit ihrer Anwesenheit stellvertretend für Millionen andere Amerikaner das fortdauernde Engagement ihrer Familie für diesen Frieden zu bezeugen, der uns so viel bedeutet.

Die Bande zwischen Bosnien-Herzegowina und den Vereinigten Staaten wurden durch schwere Prüfungen und historische Siege gefestigt, und wir erhalten auch heute unser Engagement aufrecht. Das spiegelt nicht nur die offizielle Position meiner Regierung wider, sondern liegt mir auch ganz persönlich am Herzen. Mein Ehemann, der ehemalige Präsident Bill Clinton, und ich sind davon überzeugt, dass Sie erfolgreich sein können – trotz all der Widrigkeiten, trotz all der politischen Probleme, trotz der Geschichte, in der eine Gruppe gegen eine andere ausgespielt wurde, sie können es schaffen. Da sind wir zuversichtlich. Und ich hoffe, dass Sie diese Zukunft, an die wir für Sie glauben, heute sehen können, eine Zukunft, in der Sie Teil von Europa, Teil der transatlantischen Gemeinschaft und Teil einer Nation sind, die gemeinsam daran arbeitet, das Leben für alle Menschen besser zu machen.

Das kann Ihnen kein Land abnehmen. Das müssen Sie selbst schaffen. Aber die Vereinigten Staaten werden Sie auf jedem Schritt dorthin begleiten. Vielen Dank, und möge Gott Sie segnen.

Originaltext: Town Hall at the National Theater in Sarajevo With Students and Civil Society Representatives

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