Biden vor dem Europäischen Parlament

Brüssel – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von US-Vizepräsident Joe Biden vor dem Europäischen Parlament am 6. Mai 2010 in Brüssel.

Herr Präsident, vielen Dank für den herzlichen Empfang. Ich habe mich sehr gefreut, dass Sie in Washington und im Weißen Haus waren. Und es ist mir eine große Ehre, dass ich in so einer angesehenen Institution eine Rede halten darf. Ich war Mitglied eines Parlaments, das insgesamt nur 535 Mitglieder hatte. Deshalb ist es eine noch größere Ehre für mich, hier zu sprechen.

Ich erinnere mich an die Rede, die Präsident Reagan 1985 hier hielt. Ich möchte einen irischen Dichter zitieren, William Butler Yeats, der in seinem Gedicht “Easter Sunday, 1916″ über sein Irland schrieb: “Alles änderte sich vollständig. Furchtbare Schönheit entstand.” Seit 1985 hat sich viel verändert. Viel hat sich verändert, und furchtbare Schönheit ist entstanden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich nicht nur, dass ich zum zweiten Mal als Vizepräsident in Brüssel bin. Wie Sie wahrscheinlich wissen, bezeichnen einige amerikanische Politiker und Journalisten Washington als “Hauptstadt der freien Welt”. Aber für mich hat es vielmehr den Anschein, dass diese großartige Stadt, die stolz auf eine eintausendjährige Geschichte sein kann und die die Hauptstadt Belgiens, die Heimat der Europäischen Union und Sitz des NATO-Hauptquartiers ist, ihren eigenen legitimen Anspruch auf diesen Titel hat.

Da ich selbst 36 Jahre in unserem Parlament war, ist es mir eine besondere Ehre, eine Rede vor dem Europäischen Parlament zu halten. Präsident Obama und ich waren der erste Präsidentschafts- und Vizepräsidentschaftskandidat, die es in den vergangenen 50 Jahren in den Vereinigten Staaten aus der Legislative in das Weiße Haus geschafft haben. Wir beide gehen unseren Tätigkeiten in der Exekutive daher mit einer großen Wertschätzung für das nach, was Sie hier in der Heimstätte der europäischen Demokratie leisten.

Zusammen mit meinen ehemaligen Kollegen im US-Kongress vertreten Sie und ich mehr als 800 Millionen Menschen. Das muss man sich einmal bewusst machen: Zwei gewählte Körperschaften, die die Gesetze für fast ein Achtel der Weltbevölkerung gestalten. Das ist wirklich bemerkenswert.

Sie haben jetzt im Rahmen des Vertrages von Lissabon mehr Befugnisse und eine breitere Verantwortung übernommen, die mit diesem stärkeren Einfluss einhergeht. Und wir begrüßen das. Wir begrüßen es, weil wir, die Vereinigten Staaten, starke Verbündete und Bündnisse brauchen, die mit uns gemeinsam die Probleme des 21. Jahrhunderts angehen, von denen einige noch dieselben sind wie im letzten Jahrhundert, die meisten sich aber von ihnen unterscheiden.

Ich möchte es so unmissverständlich wie möglich ausdrücken: Die Regierung Obama-Biden hat keinen Zweifel daran, dass wir eine starke und lebendige Europäische Union benötigen, und sie unterstützt diese stark. Wir sind der Meinung, dass sie absolut entscheidend für den Wohlstand und die langfristige Sicherheit der Vereinigten Staaten ist. Also haben Sie keinen Zweifel daran.

Als ich lange Zeit den Vorsitz über den Auswärtigen Ausschuss des US-Senats hatte, hatte ich die Gelegenheit, viele europäische Abgeordnete aus den nationalen Parlamenten kennen zu lernen, und einige von ihnen sind heute in diesem Saal. Nach all diesen Jahren weiß ich also zu schätzen, was für ein bedeutender Schritt es war, das einzige multinationale Parlament der Welt aufzubauen, das in allgemeinen Wahlen gewählt wird. Es hat sich so viel verändert.

Ich freue mich, dass Sie durch den Transatlantischen Dialog der Gesetzgeber starke Beziehungen zum US-Kongress aufbauen. Und ich hoffe, dass die von Ihnen in Washington vergangene Woche eröffnete Vertretung diese Beziehungen noch stärken wird.

Meine Damen und Herren, in dieser Woche ist es 65 Jahre her, dass führende Vertreter des nationalsozialistischen Regmies weniger als 200 Kilometer südlich von hier eine bedingungslose Kapitulation unterzeichneten, mit der der Zweite Weltkrieg in Europa beendet wurde.

Am nächsten Tag kamen die Menschen zu spontanen Freudenfesten am Times Square und am Piccadilly Circus zusammen. Jubelnde Mengen tanzten über die Champs-Elysees und über Stadtplätze in den Ländern der Alliierten. Und hier in Brüssel sangen Kirchgänger bei einem Dankesgottesdienst die Nationalhymnen Großbritanniens, Belgiens und der Vereinigten Staaten.

An diesem frohen Tag – dem 8. Mai 1945 – lag dieser Kontinent in Trümmern, nachdem er zum zweiten Mal in weniger als 30 Jahren von einem Weltkrieg heimgesucht worden war. In jenem Moment muss ein friedliches und geeintes Europa und ein Europäisches Parlament allen damals lebenden Menschen wie ein Hirngespinst vorgekommen sein.

Und dennoch sind wir durch den Willen Ihrer Mitbürger und Staatsmänner wie Jean [sic] Henri Spaak, nach dem dieser prächtige Saal benannt ist, Robert Schumann, Jean Monnet und den Visionen, die zur Geburt eines Parlamentes führten und Monnet die Freiheitsmedaille von Präsident Lyndon Johnson einbrachten, hier in diesem Saal versammelt. Hier sind Sie.

Was als einfacher Vertrag zwischen einem halben Dutzend Ländern anfing, die einen gemeinsamen Markt für Kohle und Stahl schaffen wollten, entwickelte sich zu einer treibenden wirtschaftlichen und politischen Kraft, zu einer Gemeinschaft, die sich zu freier Meinungsäußerung, Freizügigkeit und freiem Unternehmertum bekannte, zu einem Europa, das ein Historiker mehr als Idee denn als Ort bezeichnet hat.

Ich bin hier, um zu bekräftigen, dass Präsident Obama und ich an diese Idee glauben, und an eine bessere Welt und ein besseres Europa, die sie bereits hervorgebracht hat; ein Europa, in dem alle Mitgliedsländer davon profitieren, dass Handelsabkommen und Umweltschutz mit einer gemeinsamen Stimme verhandelt werden, ein Europa, das die kulturellen und politischen Werte stützt, die es mit meinem Land gemeinsam hat, ein Europa, das geeint und frei ist und in dem Frieden herrscht.

Vor etwas mehr als einem Jahr sagte Präsident Obama in Prag, dass ein starkes Europa ein stärkerer Partner für die Vereinigten Staaten sei, und wir brauchen starke Partner. Daher werden wir alles in unserer Macht Stehende tun, um Ihr großes Unterfangen zu unterstützen. Denn die letzten 65 Jahre haben gezeigt, dass es fast nichts gibt, was wir nicht erreichen können, wenn Amerikaner und Europäer ihre Kräfte für gemeinsame Ziele einsetzen.

Gemeinsam haben wir Europa durch den Marshallplan wiederaufgebaut und möglicherweise die bedeutendste Investition in der Geschichte der Menschheit getätigt. Gemeinsam haben wir das stabilste Sicherheitsbündnis der Welt geschaffen, die NATO, sowie eine militärische und politische Kraft, die die Vereinigten Staaten und Europa aneinander band und uns in den nachfolgenden Jahrzehnten einander noch näher brachte.

Gemeinsam haben wir die umfassendsten Handelsbeziehungen der Geschichte geschaffen, die ungefähr 40 Prozent des globalen Handels ausmachen und dazu beigetragen haben, eine Ära beispiellosen Wohlstands und technologischer Innovationen einzuläuten. Gemeinsam haben wir von humanitären Katastrophen betroffenen Menschen Hilfe und Hoffnung gebracht, und zwar an mehr Orten, als ich aufzählen kann, vom westlichen Balkan über den Kongo bis nach Haiti, wo wir derzeit tätig sind.

Den Skeptikern, die trotz all dieser Errungenschaften weiterhin den Zustand der transatlantischen Beziehungen oder die Einstellung meines Landes gegenüber einem geeinten Europa in Zweifel ziehen, möchte ich folgende Antwort geben: Selbst wenn die Vereinigten Staaten und die Länder, die Sie alle vertreten, nicht gemeinsame Werte und das gemeinsame Erbe vieler Millionen unserer Bürger teilten, ich selbst eingeschlossen, würden unsere Interessen auf der Welt ausreichen, um uns unweigerlich aneinander zu binden.

Die Beziehungen zwischen meinem Land und Europa sind heute ebenso stark und wichtig für uns alle, wie sie es schon immer waren. Dieses Jahrhundert hat neue Herausforderungen mit sich gebracht, die nicht weniger gefährlich sind als jene, die es im 20. Jahrhundert gab. Gemeinsam gehen wir sie eine nach der anderen an. Sie sind schwierig. Es wird Meinungsverschiedenheiten geben. Aber wir gehen sie gemeinsam an.

Beim Thema Klimawandel, einer der größten Gefahren für unsere Welt, arbeiten die Vereinigten Staaten und Europa zusammen um sicherzustellen, dass alle Länder, und insbesondere die großen Volkswirtschaften, zu einer globalen Lösung beitragen. Wir haben uns an Kopenhagen orientiert und haben dort einen wirklich großen Schritt nach vorn gemacht. Jetzt müssen wir die Emissionssenkungen, die Finanzierung und die Transparenz umsetzen, die in dem Abkommen gefordert werden. Und wir müssen den schwächsten Ländern helfen – vom arktischen Norden zu den pazifischen Inseln – die mit den Vorboten dieser drohenden Krise zu kämpfen haben.

In der krisengeschüttelten Region Afghanistans und Pakistans arbeiten wir zusammen, um die Al Kaida und die Taliban zu behindern, zu zerschlagen und zu besiegen und um die afghanische Armee und Polizei auszubilden, so dass die afghanische Regierung schließlich die Bevölkerung selbst schützen kann und keine Gefahr mehr für die Nachbarländer darstellt.

Um die Regierungsfähigkeit Afghanistans aufzubauen, stellen die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und ihre Mitgliedsländer umfassende finanzielle und zivile Ressourcen bereit.

Obwohl die Unterstützung für diese wichtigen Missionen nicht immer populär ist, wissen Sie wie ich, dass sie bedeutend ist. Als führende Politiker haben wir die Pflicht, unseren Bürgern zu erklären, dass sie für unsere gemeinsame Sicherheit notwendig sind. Sie müssen mir aber glauben, dass ich als Politiker, der seit 38 Jahren Ämter bekleidet, weiß, dass es nicht einfach ist. Ich versichere Ihnen, dass unsere Bestrebungen in meinem Land nicht populärer sind als in den Ihren.

Die Vereinigten Staaten und Europa stehen sich daher auch zur Seite, um Iran davon abzuhalten, Atomwaffen zu beschaffen – eine Entwicklung, die die iranischen Bürger gefährden und eine große Bedrohung für die Nachbarländer darstellen würde, von denen einige zu unseren engsten Verbündeten zählen.

Gemeinsam haben wir einen gänzlich neuen Weg des Dialogs mit den iranischen Politikern eingeschlagen. Meine Damen und Herren, trotz der Äußerungen einiger Skeptiker meint der Präsident, was er sagt – dass wir jeder Partei, die bereit ist, ihre Faust zu öffnen, die Hand reichen werden. Am Anfang seiner Amtszeit hat Präsident Obama gesagt, dass wir bereit sind, uns auf Grundlage gemeinsamer Interessen und gegenseitiger Achtung mit Iran zu befassen.

Gemeinsam mit unseren Verbündeten haben wir der iranischen Führung deutlich gemacht, wie sie anfangen kann, das Vertrauen der internationalen Staatengemeinschaft wiederherzustellen, unter anderem, indem sie ihr Zugang zu ihren bisher geheimen Anreicherungsanlagen gewährt und niedrig angereichertes Uran gegen Brennmaterial zum Betreiben eines Forschungsreaktors eintauscht.

Aber wie die Welt jetzt sehen konnte, haben die iranischen Politiker unsere gemeinsamen, ehrlich gemeinten Bestrebungen missachtet und weiterhin Maßnahmen ergriffen, die die Stabilität in der Region bedrohen.

Ich möchte es ganz unmissverständlich sagen: Das iranische Atomprogramm verstößt gegen die iranischen Verpflichtungen im Rahmen des Vertrags über die Nichtverbreitung von Atomwaffen und birgt das Risiko, ein atomares Wettrüsten im Nahen Osten auszulösen. Wäre es nicht ironisch, wenn es so wäre, dass der Eiserne Vorhang gefallen und die wechselseitige Bedrohung durch atomare Zerstörung zwischen den Supermächten zu einem Ende gekommen ist und jetzt ein neues Wettrüsten in einer der instabilsten Regionen der Welt beginnt? Wenn wir diese Ironie zuließen, würden es uns unsere Kinder, Enkel und Großenkel niemals verzeihen.

Außerdem unterstützt die iranische Führung Terrororganisationen, und diese Unterstützung setzt sie unvermindert fort. Und sie verfolgt weiterhin skrupellos Bürger, die friedlich demonstrieren und Gerechtigkeit fordern. Das ist ein Verrat an den Pflichten aller Regierungen ihren Bürgern gegenüber.

Teheran steht vor einer schlichten Entscheidung: Die Einhaltung der internationalen Regeln und Rückkehr in die Gemeinschaft der verantwortungsbewussten Staaten, was wir hoffen, oder weitere Konsequenzen und zunehmende Isolation.

Angesichts der Gefahr, die von Iran ausgeht, bekennen wir uns zur Sicherheit unserer Verbündeten. Das ist der Grund, warum wir das stufenweise, anpassungsfähige Raketenabwehrprogramm umsetzen, um auf diesem Kontinent Raketenangriffe verhindern und abwehren zu können – auf diesem Kontinent.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir arbeiten darüber hinaus auch innerhalb der NATO zusammen, um uns auf eine Reihe zukünftiger Gefahren für unsere Sicherheit vorzubereiten, wie im Bereich der Energiesicherheit und der Sicherheit im Internet. Wir unterstützen weiterhin die enge sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen der NATO und der EU.

Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten und Europa schnell und entschlossen gehandelt, als die Welt im Zuge einer Finanzkrise ins Wanken geriet, die schlimmer war als die Weltwirtschaftskrise. Mit unseren Maßnahmen trugen wir gemeinsam dazu bei, das zu verhindern, was von einigen vorhergesagt wurde, nämlich der vollständige Zusammenbruch der Weltwirtschaft.

Und heute beobachten Präsident Obama und ich ganz genau die Wirtschafts- und Finanzkrise in Griechenland und die Bemühungen der Europäischen Union, sie in den Griff zu bekommen. Wir begrüßen das Hilfspaket, das Europa zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds in Erwägung zieht. Wir werden Ihre Bemühungen zur Rettung Griechenlands sowohl direkt als auch durch den IWF unterstützen.

Diese Beispiele und viele weitere, die ich nennen könnte, zeigen, warum Europa weiterhin nicht nur der größte Handelspartner der Vereinigten Staaten ist, sondern auch der wichtigste Bündnispartner.

Sehr verehrte Damen und Herren, unsere Vorgänger kamen genau in dieser Woche vor mehr als 60 Jahren zusammen, um mit dem Aufbau von Institutionen zu beginnen, die gewährleisten sollten, dass sich die dunkelsten Kapitel des 21. [sic] Jahrhunderts niemals wiederholen würden, weder im verbleibenden Jahrhundert noch im 21. Jahrhundert. Diese Institutionen – und diese Institution hier – sind ein großer Erfolg. Jetzt müssen wir unseren Blick aber auf die Herausforderungen dieses neuen Jahrhunderts richten, wie ich zu Beginn gesagt habe. “Die Welt änderte sich vollständig. Eine furchtbare Schönheit ist entstanden.”

Die vielleicht komplexeste Bedrohung, mit der wir heute konfrontiert sind, geht von nicht-staatlichen Akteuren und gewalttätigen Extremisten aus, insbesondere wenn – Gott bewahre – diese gewalttätigen Extremisten in den Besitz von Massenvernichtungswaffen gelangen würden.

Diese Bedrohung achtet keine Grenzen. Kein Land, ganz gleich wie stark und wohlhabend, wie gut organisiert oder fähig es auch sein mag, kann sich dieser Gefahr alleine stellen. Sie kann nur erfolgreich eingedämmt werden, wenn wir gemeinsam handeln. Und genau das müssen wir tun.

Die neuen Befugnisse, die diesem Parlament mit dem Vertrag von Lissabon verliehen wurden, geben Ihnen in diesem Kampf eine gewichtigere Rolle und eine stärkere Pflicht, verantwortungsbewusst zu regieren.

Die US-Regierung und dieses Parlament haben damit gerungen, wie die Bürger am besten geschützt werden können, ohne die grundlegenden Rechte aufzugeben, auf denen alle unsere Gesellschaften aufgebaut sind. Ich bin absolut überzeugt, dass wir unsere Bürger schützen und unsere Freiheiten erhalten können und müssen.

Seit unserem Amtsantritt im vergangenen Jahr haben Präsident Obama und ich uns von der Prämisse unserer Verfassung leiten lassen, nach einer “vollkommeneren Union” zu streben.

Aus diesem Grund war eine unserer ersten Amtshandlungen die Beendigung der Verhörpraktiken, die wenig Ergebnisse lieferten und die wir nicht mit gutem Gewissen fortsetzen konnten.

Wir haben die Schließung des Gefangenenlagers in Guantanamo Bay angeordnet, das zu einem Symbol für Ungerechtigkeit geworden war und Terroristen half, neue Anhänger zu gewinnen. Wir sind dankbar für die Unterstützung, so schwierig sie auch für Sie gewesen sein mag, die wir von so vielen von Ihnen erhalten haben.

Wir haben diese Entscheidungen getroffen, weil Präsident Obama und ich, genauso wie Sie, die falsche Wahl zwischen Sicherheit und Idealen ablehnen. Wir glauben, dass das Aufrechterhalten unserer Prinzipien uns stärker macht und dass wir unsere Bemühungen bei der Bekämpfung gewalttätiger Extremisten untergraben, wenn wir sie kompromittieren. Denn was ist ihr Ziel? Ihr Ziel ist es, das zu verändern, was wir schätzen, wie wir uns verhalten.

Acht Tage nach den Anschlägen vom 11. September sagte ich einer Gruppe von Universitätsstudenten in meinem Land, dass sie nicht zulassen dürften, dass die Tragödie vom 11. September unseren Lebensstil verändert, weil dies genau das ist, was die Terroristen erreichen wollten. Ich sagte ihnen außerdem, dass die Vereinigten Staaten diesen Kampf nicht gewinnen könnten, wenn sie alleine handelten. Diese Worte entsprachen nicht nur der Stimmung dieser Zeit; ich denke, sie haben sich auch als richtig erwiesen. Und heute sind sie nicht weniger richtig.

Ich muss Ihnen nichts über die stolze europäische Tradition des Schutzes der Bürger vor staatlicher Einmischung in die Privatsphäre erzählen, eine Tradition, die auf der Achtung der Würde aller Menschen beruht. Wir zählen sie zu den unveräußerlichen Rechten. Wir haben sie in unserer Verfassung verankert.

Das Bekenntnis der Vereinigten Staaten zum Schutz der Privatsphäre ist tief verwurzelt, so tief wie bei Ihnen. Der vierte Zusatzartikel unserer Verfassung schützt die Bürger vor unbegründeten Durchsuchungen und Beschlagnahmungen durch den Staat, was einer unserer bekanntesten Juristen einmal “das Recht, in Ruhe gelassen zu werden” nannte. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat klargestellt, dass der Schutz der Privatsphäre ein von der Verfassung geschütztes Recht und ein Grundrecht ist. Wie die EU hat auch der Oberste Gerichtshof dieses Recht als eine Frage der persönlichen “Würde” bezeichnet.

Ich persönlich habe in meiner Laufbahn über 36 Jahre hinweg im Senat der Vereinigten Staaten jedes Jahr den Schutz der Privatsphäre verteidigt, und ich wurde von Organisationen, die sich mit diesem Thema befassen, dafür gelobt. Ich – und später Präsident Obama – waren jedes Jahr unter diesen vier von diesen Organisationen genannten. Ich erzähle Ihnen dies nicht, weil es dabei um mich geht, sondern weil es dabei um das Bekenntnis unserer Regierung zu den Persönlichkeitsrechten geht. Dies jetzt zu ändern würde bedeuten, alles, wofür ich in den vergangenen 37 Jahren in meinem Land eingetreten bin, zu einer Lüge zu machen.

Als ich Vorsitzender des Justizausschusses des Senats war, der dafür zuständig ist, die Kandidaten des Präsidenten zur Nominierung als Richter zu bestätigen, wurde ich, wie bereits gesagt, immer als einer der stärksten Verfechter der Bürgerrechte eingestuft. Und ich habe es zu einer meiner Prioritäten gemacht, zukünftige Richter nach ihren Ansichten zum Datenschutz zu befragen, bevor ich entschied, ob sie am Gericht tätig werden konnten.

Aber Präsident Obama und ich sind auch der Meinung, dass es das oberste und grundlegendste Ziel und die feierlichste Aufgabe einer Regierung sein muss, ihre Bürger zu schützen sowie den Bürgern und ihren Rechten zu dienen.

Präsident Obama sagte, dass sein erster Gedanke nach dem Aufwachen, und sein letzter Gedanke vor dem Schlafengehen der Sicherheit unseres Landes gilt. Ich denke, jeder Staats- und Regierungschef auf der Welt sieht seine Rolle ebenso.

Denn genauso wie der Schutz der Privatsphäre ist auch die physische Unversehrtheit ein unveräußerliches Recht. Eine Regierung, die ihrer Verpflichtung, die Sicherheit ihrer Bürger zu gewährleisten, nicht nachkommt, verletzt deren Rechte nicht weniger als eine Regierung, die Dissidenten zum Schweigen bringt oder mutmaßliche Straftäter ohne Gerichtsverhandlung inhaftiert.

Meine Damen und Herren, sogar während wir uns hier versammeln, setzen unsere Feinde jedes Mittel ein, dessen sie habhaft werden, um neue, zerstörerische Angriffe wie die in New York, London, Madrid und an so vielen anderen Orten durchzuführen.

Um sie zu stoppen, müssen wir jedes legitime, uns zur Verfügung stehende Mittel einsetzen – Strafverfolgung, Militär, Nachrichtendienste, Technologie – das in Einklang mit unseren Prinzipien, unseren Gesetzen und unseren Werten steht. Wir kämpfen an vielen Fronten, von den mutigen Frauen und Männern, die im Ausland in unserem Militär dienen bis zu den geduldigen und unermüdlichen Experten der Strafverfolgungsbehörden, die komplexe und verdächtige Finanznetzwerke untersuchen.

In dieser Woche haben unser Zoll und unser Grenzschutz – unter Verwendung von Passagierdaten – einen Verdächtigen festgenommen, der einen Bombenanschlag am Times Square in New York verüben wollte, als er versuchte, das Land zu verlassen.

Es ist entscheidend, dass wir alle uns per Gesetz zur Verfügung stehenden Fähigkeiten nutzen, um solche Anschläge zu verhindern.

Aus diesem Grund sind wir überzeugt, dass das Programm zum Aufspüren der Finanzierung des Terrorismus (TFTP) unentbehrlich für unsere Sicherheit ist, ebenso wie für ihre Sicherheit, wie ich vermute. Es hat wichtige Hinweise in Antiterrorermittlungen auf beiden Seiten des Atlantiks gegeben; es hat zur Aufdeckung von Anschlägen und letztendlich zur Rettung von Menschenleben beigetragen. Das Programm enthält Sicherungsmechanismen, die gewährleisten, dass persönliche Daten respektiert und nur zum Zwecke der Terrorismusbekämpfung eingesetzt werden. Aber ich mache Ihnen keinen Vorwurf, dass Sie das hinterfragen.

Wir verstehen Ihre Besorgnis. Aus diesem Grund arbeiten wir zusammen, um diese Bedenken anzusprechen und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir erfolgreich sein werden, sowohl bei der Verwendung der Instrumente als auch der Gewährleistung des Datenschutzes. Es ist wichtig, dass wir das tun, und es ist wichtig, dass wir das so schnell wie möglich tun.

Als ehemaliger US-Senator der Vereinigten Staaten weiß ich auch, wie schwierig es sein kann, die wichtigen Entscheidungen zu treffen, die aufgrund der weltweiten Herausforderungen erforderlich sind, und gleichzeitig unseren eigenen Werten treu zu bleiben. Ich gehe davon aus, dass Sie alle bei jeder Abstimmung in diesem Parlament vor diesem Dilemma stehen.

Je länger wir kein Abkommen beim Programm zum Aufspüren der Finanzierung des Terrorismus haben, desto größer ist das Risiko eines Terroranschlags, der hätte verhindert werden können. Als führende Politiker haben wir eine gemeinsame Verantwortung im Rahmen der Gesetze alles in unserer Macht Stehende zu tun, um die 800 Millionen Menschen zu schützen, denen wir gemeinsam dienen.

Wir hatten auch früher schon unterschiedliche Ansichten. Wir werden sicherlich auch in Zukunft unterschiedlicher Meinung sein. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Vereinigten Staaten und Europa die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen können, genauso wie wir es im 20. Jahrhundert geschafft haben, wenn wir einander zuhören, miteinander sprechen und wenn wir ehrlich miteinander sind.

Meine sehr verehrten Damen und Herren “Mut”, so hat uns Winston Churchill gelehrt, “ist das, was erforderlich ist, um aufzustehen und zu sprechen. Mut ist auch, was erforderlich ist, um sich zu setzen und zuzuhören.” Obwohl ich heute Nachmittag das ganze Reden übernommen habe, können Sie sich aber sicher sein, dass ich – meine Regierung und mein Präsident – unseren Verbündeten wieder zuhören werden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es war kein Zufall, dass Europa mein erstes Reiseziel als Vizepräsident war und auch das des Präsidenten. Es ist kein Zufall, dass wir seither bereits mehrere Male hierher zurückgekommen sind. Die Vereinigten Staaten brauchen Europa. Und ich möchte respektvoll behaupten, dass Europa die Vereinigten Staaten auch braucht – wir brauchen einander heute mehr als jemals zuvor.

Ich betrachte den Jahrestag in dieser Woche daher als gute Gelegenheit, die Bande zwischen unseren Bürgern zu festigen, die vor langer Zeit inmitten der Not geschmiedet wurden. Heute wie damals, blicken Europäer und Amerikaner zunächst einander an, bevor sie zu jemand anderem blicken, wenn sie ihren Idealen folgen und nach Partnern suchen.

Heute wie damals fühlen wir uns geehrt und sind dankbar, Sie an unserer Seite zu wissen bei den Anstrengungen, die noch vor uns liegen. Ich möchte daher noch einmal unmissverständlich wiederholen, dass Präsident Obama und Joe Biden starke Befürworter eines geeinten, freien und offenen Europas sind. Wir sind starken Befürworter Ihrer Bestrebungen. Wir wünschen Ihnen viel Glück. Möge Gott Sie alle segnen und möge Gott unser aller Soldaten schützen. Vielen herzlichen Dank.

Originaltext: Remarks by Vice President Biden to the European Parliament

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