Präsident Obama zu Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald

Buchenwald – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von US-Präsident Barack Obama anlässlich seines Besuchs in der Gedenkstätte Buchenwald am 5. Juni 2009.

Bundeskanzlerin Merkel und ich haben gerade unseren Rundgang durch Buchenwald beendet. Ich möchte Herrn Dr. Volkhard Knigge danken. Er hat uns auf hervorragende Weise geschildert, wo wir uns jeweils gerade befanden. Ich bin ganz besonders dafür dankbar, dass uns mein Freund Elie Wiesel sowie Herr Bertrand Herz begleitet haben. Sie beide sind Überlebende dieses Ortes.

Wir haben den Bereich gesehen, der als Kleines Lager bekannt ist, und in den Elie und Bertrand als Jungen geschickt wurden. Am Gedenkort gibt es sogar ein Foto, auf dem man den 16-jährigen Elie zusammen mit vielen anderen in einer der Schlafstellen sehen kann. Wir haben die Öfen des Krematoriums gesehen, die Wachtürme, die Stacheldrahtzäune und die Fundamente der Baracken, in denen Menschen einst unter den unvorstellbarsten Bedingungen lebten.

Wir haben das Denkmal für die Überlebenden besichtigt – eine Stahlplatte, die, wie Bundeskanzlerin Merkel gerade sagte, auf 37 Grad Celsius erwärmt wird, der Temperatur des menschlichen Körpers – eine Erinnerung daran, was wir alle gemeinsam haben, an einem Ort, an dem Menschen wegen ihrer Verschiedenheit nicht als Menschen betrachtet wurden.

Diese Orte haben über die Zeit nichts von ihrer Grausamkeit verloren. Als wir durch das Lager liefen, sagte Elie: “Wenn diese Bäume sprechen könnten.” Es liegt eine gewisse Ironie in der Schönheit der Landschaft und dem Schrecken, der hier stattfand.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später sind unsere Trauer und unsere Wut angesichts dessen, was geschah, nicht schwächer geworden. Ich werde nicht vergessen, was ich heute hier gesehen habe.

Ich habe von diesem Ort schon als Junge gehört. Es waren Geschichten von meinem Großonkel, der als junger Mann im Zweiten Weltkrieg kämpfte. Er gehörte zur 89. Infanteriedivision, dem ersten amerikanischen Verband, der das Konzentrationslager erreichte. Sie befreiten Ohrdruf, eines der Außenlager von Buchenwald.

Er kehrte von seinem Militärdienst in einer Art Schockzustand zurück, sprach nur wenig und isolierte sich selbst über Monate hinweg von Freunden und Familie, alleine mit den schmerzvollen Erinnerungen, die er nicht aus seinem Kopf bekommen konnte. Wir haben hier einige dieser Bilder gesehen. Es ist verständlich, dass jemand, der gesehen hat, was hier geschah, unter Schock steht.

Der Oberbefehlshaber meines Großonkels, General Eisenhower, verstand den Grund für dieses Schweigen. Er sah die Leichenberge und hungernden Überlebenden sowie die erbärmlichen Zustände, die die amerikanischen Soldaten vorfanden, als sie hier ankamen. Und er wusste, dass diejenigen, die diese Dinge gesehen hatten, vielleicht zu gelähmt sein würden, um über sie zu sprechen oder nicht in der Lage sein würden, die Worte zu finden, um sie zu beschreiben; dass sie verstummen könnten, wie mein Großonkel es tat. Und er wusste, dass das, was hier geschehen war, so unvorstellbar war, dass es vielleicht niemand mehr glauben würde, nachdem die Körper entfernt worden waren.

Deshalb hat er den amerikanischen Soldaten und Deutschen aus der Umgebung angeordnet, das Lager zu besuchen. Er lud Kongressabgeordnete und Journalisten ein, um es zu sehen und ordnete an, dass Fotos und Filmaufnahmen gemacht wurden. Und er bestand darauf, jeden einzelnen Winkel dieses Lagers zu sehen, damit er in der Lage sei „aus erster Hand über die Dinge zu berichten, wenn sich in der Zukunft die Tendenz zeigen sollte, dass diese Anschuldigungen schlicht als Propaganda dargestellt werden“.

Wir sind heute hier, weil wir wissen, dass diese Arbeit noch nicht abgeschlossen ist. Bis heute gibt es jene, die darauf beharren, dass es den Holocaust niemals gab – eine Leugnung der Fakten und der Wahrheit, die jeder Grundlage entbehrt, ignorant und abscheulich ist. Dieser Ort ist die elementarste Zurechtweisung solcher Gedanken, eine Mahnung an unsere Pflicht, uns gegen jene zu stellen, die Lügen über unsere Geschichte verbreiten.

Bis heute gibt es auch jene, die jegliche Form der Intoleranz fortsetzen – Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und andere – Hass, der seine Opfer herabwürdigt und uns alle herabsetzt. In diesem Jahrhundert haben wir Völkermord erlebt. Wir haben Massengräber und die Asche von Dörfern gesehen, die bis auf ihre Grundmauern niedergebrannt wurden. Wir haben Kinder gesehen, die als Soldaten missbraucht und Vergewaltigung, die als Mittel der Kriegsführung eingesetzt wurde. Dieser Ort lehrt uns, dass wir immer wachsam sein müssen, wenn es um die Verbreitung des Bösen in unserer Zeit geht, dass wir die falsche Behaglichkeit, dass das Leid Anderer nicht unser Problem ist, ablehnen und wir uns dem Widerstand gegen jene verpflichten müssen, die Andere unterdrücken wollen, um ihren eigenen Interessen zu dienen.

Aber wenn wir uns heute Gedanken über die menschliche Fähigkeit machen, Böses zu tun, und unsere gemeinsame Verpflichtung, uns ihm zu wiedersetzen, fühlen wir uns auch an die menschliche Fähigkeit erinnert, Gutes zu tun. Denn wir wissen, dass es inmitten der zahllosen Akte der Grausamkeit, die hier verübt wurden, auch viele mutige und gütige Taten gab. Die Juden, die darauf bestanden, an Jom Kippur zu fasten. Der Lagerkoch, der Kartoffeln im Futter seiner Lageruniform versteckte, sie unter seinen Mitgefangenen verteilte und damit sein Leben riskierte, um dazu beizutragen, das ihre zu retten. Die Gefangenen, die sich organisierten und besonders bemühten, die Kinder im Lager zu schützen, indem sie sie von der Arbeit abschirmten und ihnen zusätzliches Essen gaben. Einige der Gefangenen gründeten heimliche Klassenzimmer, unterrichteten Geschichte und Mathematik und hielten die Kinder an, sich über ihre zukünftige Berufswahl Gedanken zu machen. Wir haben gerade von dem Widerstand gehört, der sich formierte, und von der Ironie, dass das Zentrum des Widerstands bei den Latrinen war, weil die Wachen sie so ekelhaft fanden, dass sie sie mieden. Und so entstand aus dem Schmutz ein Ort, an dem kleine Freiheiten gediehen.

Als die amerikanischen GIs eintrafen, waren sie erstaunt, 900 Kinder vorzufinden, die noch am Leben waren. Das jüngste von ihnen war erst drei Jahre alt. Und mir wurde erzählt, dass einige der Gefangenen sogar ein Buchenwald-Lied schrieben, das von vielen hier gesungen wurde. Ein Teil des Textes lautete: “…Und was auch unsere Zukunft sei – wir wollen trotzdem “ja” zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei… denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut und im Herzen, im Herzen den Glauben.”

Diese Personen haben nicht wissen können, dass die Welt eines Tages über diesen Ort sprechen würde. Sie haben nicht wissen können, dass einige von ihnen ihre Kinder und Enkelkinder aufwachsen sehen würden, die ihren Geschichten lauschen und so viele Jahre später an diesen Ort zurückkehren würden, um dort ein Museum und Denkmäler und den Turm mit der Uhr vorzufinden, die für immer 3 Uhr 15 anzeigt – den Moment der Befreiung.

Sie haben nicht wissen können, wie die Nation Israel aus der Zerstörung des Holocaust hervorgehen würde und wie stark und dauerhaft die Bande zwischen dieser großen Nation und meiner eigenen sein würden. Und sie haben nicht wissen können, dass eines Tages ein amerikanischer Präsident diesen Ort besuchen und von ihnen sprechen würde, und dass er an der Seite der deutschen Bundeskanzlerin in einem Deutschland stehen würde, das heute eine lebendige Demokratie und ein geschätzter Bündnispartner der Vereinigten Staaten ist.

Diese Dinge konnten sie nicht wissen. Aber als sie noch vom Tod umgeben waren, zwangen sie sich, am Leben festzuhalten. In ihren Herzen trugen sie noch immer die Hoffnung, dass das Böse letztendlich nicht triumphieren würde, dass, obwohl die Zukunft jenseits der menschlichen Erkenntnis liegt, sie sich in Richtung Fortschritt bewegt, und dass sich die Welt eines Tages an sie erinnern würde. Und jetzt ist es an uns, den Lebenden, in unserer Arbeit, wo wir auch sein mögen, Ungerechtigkeit und Intoleranz und Gleichgültigkeit abzulehnen, welche Formen sie auch annehmen mögen, und sicherzustellen, dass diejenigen, die ihr Leben hier ließen, nicht umsonst gestorben sind. Es ist an uns, diesen Glauben einzulösen. Es ist an uns, Zeugnis abzulegen; sicherzustellen, dass die Welt weiterhin Kenntnis davon erhält, was hier geschehen ist, und all jenen zu gedenken, die überlebten und jenen, die starben, und nicht nur als Opfer, sondern als Menschen, die hofften, liebten und träumten wie wir alle.

Und genauso, wie wir uns mit den Opfern identifizieren, ist es auch wichtig, dass wir uns in Erinnerung rufen, dass die Täter, die solch Böses verübten, auch Menschen waren, und dass wir uns gegen die Grausamkeit in uns selbst wappnen müssen. Ich möchte insbesondere Bundeskanzlerin Merkel und der deutschen Bevölkerung danken, weil es nicht einfach ist, so in die Vergangenheit zu blicken, sie anzuerkennen und etwas aus ihr zu lernen; eine feste Entscheidung zu treffen, zu verhindern, dass so etwas wieder passiert.

Statt mit meiner Rede zu schließen dachte ich mir, es sei angebracht, wenn Elie Wiesel noch seine Gedanken mit uns teilt, da er heute so viele Jahre später an den Ort zurückkehrt, an dem sein Vater starb.

Originaltext: REMARKS BY PRESIDENT OBAMA, GERMAN CHANCELLOR MERKEL, AND ELIE WIESEL AT BUCHENWALD CONCENTRATION CAMP

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