Afghanistan war nicht immer ein Schlachtfeld

On 2001/10/29, in Terrorismus, by Amerika Dienst

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir den Namensartikel der US-Staatssekretärin für globale Angelegenheiten im Außenministerium, Paula J. Dobriansky, vom 29. Oktober 2001.

Die gegenwärtige Generation junger Afghaner kann sich nicht an eine Zeit erinnern, in der ihr Land wirklich funktionierte. Es gab eine Zeit – vor etwas über 20 Jahren – in der Afghanistan ein funktionierender Staat war, ein Mitglied der Weltgemeinschaft. Obwohl Afghanistan immer ein armes und wildes Land war, war es doch die Heimat eines stolzen Volkes, das den Wunsch und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft hatte. Die Afghanen regierten ihr eigenes Land, die Kinder gingen zur Schule, die Menschen hatten genug zu essen und Frauen wurden ausgebildet und waren berufstätig.

Leider ist es jetzt sehr schwierig, sich an dieses funktionierende Afghanistan zu erinnern. Die Zeit vor den Taliban – vor dem Bürgerkrieg, vor der sowjetischen Invasion – scheint wie ein anderes Zeitalter. Dennoch können und sollten die Afghanen ihren Weg zurück in eine normale Gesellschaft und ein funktionierendes Land finden.

Sogar vor dem Konflikt war das Leben in Afghanistan nicht einfach. Es zählte zu den rund zehn ärmsten Ländern der Welt. Die natürlichen Ressourcen waren begrenzt und Ackerbau für den Eigenbedarf war die Hauptbeschäftigung der Mehrheit der Afghanen. Die Infrastruktur war unterentwickelt. Die Verbesserung des Lebensstandards der meisten Afghanen hing zu einem Großteil von Auslandshilfe und den Maßnahmen der Entwicklungsagenturen ab.

Aber die afghanische Gesellschaft funktionierte. Trotz der Härten regierten die Afghanen ihr eigenes Land und zogen ihrer Kinder groß. Es gab in den meisten Städten und Dörfern ein Bildungssystem für Jungen und Mädchen gleichermaßen. Die afghanischen Universitäten brachten eine gebildete Elite hervor, aus der das Personal für die Regierung und die Privatwirtschaft rekrutiert wurde. In den Städten war Gesundheitsfürsorge in Krankenhäusern verfügbar, während in ländlichen Gebieten eine rudimentärere Gesundheitsfürsorge durch staatlich ausgebildete Krankenschwestern angeboten wurde. Die Subsistenzwirtschaft bot gemeinsam mit der Unterstützung aus dem Ausland – einschließlich der Unterstützung durch das US-Amt für internationale Entwicklung (USAID) – ausreichend Nahrung, so dass die Bedrohung einer Hungersnot für die Mehrheit der Afghanen praktisch nicht existierte.

Bevor Chaos und Zerstörung Afghanistan heimsuchten, hatten die afghanischen Frauen die Freiheit, sich am Leben ihres Landes zu beteiligen. Gebildete Frauen hatten in der Stadt Stellungen in Medizin, Wirtschaft, im Bildungswesen und in den Medien. Frauen arbeiteten in fast allen Ministerien. Es gab Richterinnen und Rechtsanwältinnen. Einige Frauen waren in politische Ämter gewählt worden. Vor der Übernahme Afghanistans durch die Taliban machten Frauen mehr als die Hälfte aller Studenten an der Universität Kabul aus, 70 Prozent der Lehrer des Landes, die Hälfte aller Regierungsmitarbeiter und 40 Prozent der Ärzte in Kabul.

Die politische Macht in Afghanistan wurde sowohl durch die nationale Regierung als auch auf traditionelle Weise ausgeübt: Der zentralen Führung in Kabul oblagen nationale Aufgaben wie die Außenpolitik und die Verteidigung. Außerdem stellte sie Ressourcen für Bildung, Gesundheitsfürsorge und das Verkehrswesen zur Verfügung. Provinzgouverneure wurden von der Zentralregierung ernannt. Auf dem Land, wo die meisten Afghanen lebten, entschieden die Dorf- und Stammesältesten über lokale Anliegen; wenn eine Frage weiter reichende Auswirkungen hatte, versammelte sich eine Gruppe dieser Ältesten aus einer Reihe von Nachbardörfern, um über das Problem zu diskutieren und eine Lösung zu finden. Die Macht dieser Ältesten stammte nicht aus dem Lauf eines Gewehrs, sondern ergab sich aus dem Prestige und der Abstammung des Einzelnen sowie aus seinem Charakter und seinen Leistungen. Diese informelle, jahrhundertealte Methode, politische Macht auszuüben, wurde von den Menschen akzeptiert und von der Regierung anerkannt.

Afghanistan spielte früher eine angemessene Rolle auf der Weltbühne. Die Beziehungen zu den Nachbarstaaten waren normal. Die Vereinigten Staaten unterhielten ein groß angelegtes Hilfsprogramm, das sich auf die landwirtschaftliche Entwicklung und die Gesundheitsfürsorge konzentrierte. Mit einem der Vorzeigeprojekte von USAID – dem Helmand-River-Irrigationsprojekt – wurden Farmen in Südafghanistan bewässert.

Afghanistan kann wieder zu einem funktionierenden Land werden, zu einem funktionierenden Mitglied der Weltgemeinschaft. Um Afghanistan wieder aufzubauen, werden die Afghanen wieder die Kontrolle über die Zukunft ihres Landes übernehmen müssen. Alle Afghanen, die ihr Land lieben, werden zusammenarbeiten müssen, um eine Zukunft für sich und ihre Kinder zu gestalten. Die Weltgemeinschaft wird helfen, wie sie in den letzten 20 Jahren mit humanitärer Hilfe geholfen hat. Das Afghanistan von vor 25 Jahren, das jetzt nur noch eine vage Erinnerung ist, ist ein Hinweis darauf, was in der Zukunft möglich ist. Die Afghanen verdienen eine Chance, ihr Land zurückzugewinnen und wiederaufzubauen. Es ist ein wichtiges Ziel dieser Administration, zu diesem Unterfangen beizutragen.

Originaltext: Byliner: Dobriansky on Afghanistan, Not Always a Battlefield

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