Präsident Clinton: USA müssen weiterhin Herausforderungen im Ausland bewältigen

Washington – (AD) – Präsident Clinton hat am 20. Januar 1993 seinen Mitbürgern erklärt, daß die Vereinigten Staaten weiterhin “Herausforderungen im Ausland ebenso wie im Inland bewältigen” und weiterhin “die Welt führen müssen, zu deren Entstehung wir so sehr beigetragen haben”. In seiner Rede anläßlich der Amtseinführung erklärte der neue Präsident auf den Stufen des Kapitols, es gebe heute “keine klare Trennung mehr zwischen Außen- und Innenpolitik – die Weltwirtschaft, die Umwelt, die AIDS-Krise der Welt, das weltweite Wettrüsten betreffen uns alle.” Clinton verwies darauf, daß die Vereinigten Staaten bei Herausforderungen ihrer vitalen Interessen “wenn möglich mit friedlicher Diplomatie und wenn nötig mit Gewalt” reagieren würden. “Die mutigen Amerikaner, die am Persischen Golf, in Somalia und andernorts stehen, sind Zeugnis unserer Entschlossenheit.” Nachfolgend veröffentlichen wir Clintons Rede zur Amtseinführung im Wortlaut.

Meine Mitbürger,heute feiern wir das Mysterium der amerikanischen Erneuerung. Diese Zeremonie findet mitten im Winter statt. Aber mit den Worten, die wir sprechen und mit den Gesichtern, die wir der Welt darbieten, erzwingen wir den Frühling – einen Frühling, der in der ältesten Demokratie der Welt wiedergeboren wird und der die Vision und den Mut hervorbringt, um Amerika neu zu erfinden.

Als unsere Gründerväter kühn der Welt die Unabhängigkeit Amerikas und Gott dem Allmächtigen unsere Ziele erklärten, wußten sie, daß Amerika, um Bestand zu haben, sich verändern mußte. Verändern nicht um der Veränderungen willen, sondern verändern, um Amerikas Ideale – das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück – zu bewahren. Obwohl wir nach der Musik unserer Zeit marschieren, ist unser Auftrag zeitlos. Jede Generation muß definieren, was es heißt, Amerikaner zu sein. Stellvertretend für mein Land beglückwünsche ich meinen Vorgänger für das halbe Jahrhundert seines Dienstes an Amerika, und ich danke den Millionen Männern und Frauen, deren Standhaftigkeit und Opfer über Depression, Faschismus und Kommunismus triumphierten.

Heute stellt sich eine im Schatten des Kalten Krieges aufgewachsene Generation neuen Pflichten in einer Welt, die vom Sonnenschein der Freiheit erwärmt, aber immer noch von altem Haß und neuen Plagen bedroht wird.

Aufgewachsen in beispiellosem Wohlstand erben wir eine Wirtschaft, die immer noch die stärkste der Welt ist, aber von Konkursen, stagnierenden Einkommen, wachsender Ungleichheit und tiefen Gräben zwischen unseren Bürgern geschwächt wird.

Als George Washington zum ersten Mal den Eid leistete, den ich gerade zu halten geschworen habe, verbreiteten sich Nachrichten nur langsam zu Pferde über Land und per Schiff über die Meere. Heute werden die Bilder und der Ton dieser Feier unverzüglich zu Milliarden Menschen in der ganzen Welt übertragen.

Kommunikation und Handel haben globalen Charakter, Investitionen sind mobil, die Technologie grenzt an Zauberei und der Ehrgeiz für ein besseres Leben ist überall anzutreffen. Wir verdienen unseren Lebensunterhalt im Amerika von heute in friedlichem Wettbewerb mit Menschen auf der ganzen Welt.

Grundlegende und mächtige Kräfte erschüttern unsere Welt und gestalten sie neu, und die drängende Frage unseres Zeitalters lautet, ob wir den Wandel zu unserem Freund und nicht zu unserem Feind machen können.

Diese neue Welt hat bereits das Leben von Millionen Amerikanern bereichert, die in der Lage sind, in ihr zu konkurrieren und zu gewinnen. Wenn jedoch die meisten Menschen für weniger mehr arbeiten, wenn andere überhaupt nicht arbeiten können, wenn die Kosten des Gesundheitswesens Millionen ruinieren und viele unserer Unternehmen – große und kleine – in den Bankrott zu treiben drohen, wenn die Furcht vor Verbrechen gesetzestreue Bürger ihrer Freiheit beraubt und wenn Millionen armer Kinder sich das Leben, das wir sie zu führen auffordern, noch nicht einmal vorstellen können, haben wir den Wandel nicht zu unserem Freund gemacht.

Wir wissen, daß wir uns harten Wahrheiten stellen und energische Schritte unternehmen müssen. Dies haben wir jedoch nicht getan. Statt dessen haben wir uns treiben lassen, und dieses Treibenlassen hat unsere Ressourcen erschöpft, unsere Wirtschaft zerrüttet und unser Vertrauen erschüttert.

Zwar sind unsere Herausforderungen furchteinflößend, doch dasselbe gilt auch für unsere Stärken. Die Amerikaner sind seit jeher ein ruheloses, suchendes und hoffnungsvolles Volk gewesen. Unserer heutigen Aufgabe müssen wir die Vision und den Willen derjenigen hinzufügen, die vor uns waren.

Von unserer Revolution über den Bürgerkrieg und die Große Depression bis zur Bürgerrechtsbewegung hat unser Volk die Entschlossenheit aufgebracht, aus diesen Krisen die Pfeiler unserer Geschichte zu bauen.

Thomas Jefferson glaubte daran, daß wir von Zeit zu Zeit dramatische Veränderungen benötigten, um die Fundamente unserer Nation zu bewahren. Meine Mitbürger, dies ist unsere Zeit. Wir müssen sie nutzen.

Um unsere Demokratie soll uns nicht nur die ganze Welt beneiden, unsere Demokratie muß auch die Lokomotive unserer Erneuerung werden. Amerika hat keine Schwächen, die nicht durch Amerikas Stärken behoben werden könnten.

So geloben wir heute, daß die Ära des Stillstands und des Dahintreibens vorüber ist und ein neues Zeitalter der amerikanischen Erneuerung begonnen hat.

Um Amerika zu erneuern, müssen wir kühn sein.Wir müssen tun, was keine Generation zuvor tun mußte. Wir müssen mehr in unser Volk, seine Arbeitsplätze und seine Zukunft investieren und gleichzeitig unsere massive Verschuldung abbauen. Und wir müssen dies in einer Welt tun, in der wir um jede Chance konkurrieren müssen.

Dies wird nicht leicht sein, es wird Opfer erfordern. Aber es kann getan werden, und zwar auf faire Weise. Dies sind nicht Opfer um ihrer selbst willen, sondern um unseretwillen, denn wir müssen für unsere Nation sorgen, wie eine Familie für ihre Kinder sorgt.Unsere Gründerväter betrachteten sich im Lichte der Nachwelt. Wir können nicht weniger tun. Jeder, der jemals beobachtet hat, wie die Augen eines Kindes langsam vom Schlaf überwältigt werden, weiß, was Nachwelt ist. Nachwelt ist die Welt, die noch kommen wird – die Welt, für die wir unsere Ideale aufrechterhalten, von der wir unseren Planeten geliehen haben und für die wir eine geheiligte Verantwortung tragen.

Wir müssen tun, was Amerika am besten leistet: mehr Chancen für alle bieten und von allen mehr Verantwortung fordern.

Es ist Zeit, mit der schlechten Gewohnheit zu brechen, etwas ohne Gegenleistung zu erwarten, von unserer Regierung und von einander. Laßt uns alle mehr Verantwortung übernehmen, nicht nur für uns selbst und unsere Familien, sondern für unsere Gemeinden und unser Land.

Um Amerika zu erneuern, müssen wir unsere Demokratie neu beleben.Diese schöne Hauptstadt ist, wie jede Hauptstadt seit dem Anbruch der Zivilisation, häufig ein Ort der Intrigen und Berechnung. Mächtige Personen schachern um Positionen und machen sich endlos Sorgen darüber, wer in und wer out ist, wer oben und wer unten ist, und sie vergessen darüber die Menschen, die uns mit ihren Mühen und ihrem Schweiß hierhin entsandt haben und die uns bezahlen.

Die Amerikaner haben besseres verdient. In dieser Stadt sind heute Menschen versammelt, die es besser machen möchten. Und deshalb sage ich Ihnen allen heute, laßt uns beschließen, unsere Politik zu reformieren, damit Macht und Privilegien nicht länger die Stimme des Volkes ersticken. Laßt uns persönliche Vorteile zur Seite schieben, damit wir den Schmerz fühlen und die Versprechungen Amerikas sehen.

Laß uns beschließen, unsere Regierung zu einem Ort dessen zu machen, was Franklin Roosevelt als “kühnes, andauerndes Experiment” bezeichnet hat, zu einer Regierung für unser Morgen und nicht für unser Gestern.

Laßt uns diese Hauptstadt den Menschen zurückgeben, denen sie gehört.Um Amerika zu erneuern, müssen wir Herausforderungen im Ausland ebenso wie im Inland bewältigen. Es gibt keine klare Trennung mehr zwischen Außen- und Innenpolitik – die Weltwirtschaft, die Umwelt, die AIDS-Krise der Welt, das weltweite Wettrüsten betreffen uns alle.

Heute ist nach dem Ende einer alten Ordnung die neue Welt freier aber weniger stabil. Der Zusammenbruch des Kommunismus hat alte Animositäten und neue Gefahren heraufbeschworen. Sicherlich müssen die Vereinigten Staaten weiterhin die Welt führen, zu deren Entstehung wir so sehr beigetragen haben.

Während Amerika Aufbauarbeit im Inland leistet, werden wir weder vor den Herausforderungen dieser neuen Welt zurückweichen, noch versäumen, ihre Chancen zu ergreifen. Gemeinsam mit unseren Freunden und Verbündeten werden wir danach streben, den Wandel zu gestalten, damit er uns nicht überwältigt.

Wenn unsere vitalen Interessen herausgefordert oder der Wille und das Gewissen der internationalen Staatengemeinschaft mißachtet werden, werden wir handeln – wenn möglich mit friedlicher Diplomatie und wenn nötig mit Gewalt. Die mutigen Amerikaner, die am Persischen Golf, in Somalia und andernorts stehen, sind Zeugnis unserer Entschlossenheit.

Unsere größte Stärke ist jedoch die Macht unserer Ideen, die in vielen Ländern immer noch neu sind. Wir sehen, wie sie auf der ganzen Welt aufgenommen werden, und wir freuen uns darüber. Unsere Hoffnungen, unsere Herzen, unsere Hände sind auf seiten derjenigen auf allen Kontinenten, die Demokratie und Freiheit aufbauen. Ihre Sache ist die Sache Amerikas.

Das amerikanische Volk hat den Wandel bewirkt, den wir heute feiern. Sie haben in einem unmißverständlichen Chor Ihre Stimmen erhoben. Sie haben in historischen Zahlen Ihre Stimmen abgegeben. Und sie haben das Gesicht des Kongresses, der Präsidentschaft und des politischen Prozesses selbst verändert.Ja, meine amerikanischen Mitbürger, Sie haben den Frühling erzwungen.Jetzt müssen wir tun, was die Jahreszeit gebietet.

Dieser Arbeit wende ich mit nun zu, mit der ganzen Autorität meines Amtes. Ich bitte den Kongreß, sich mir anzuschließen. Aber kein Präsident, kein Kongreß, keine Regierung kann diese Mission allein in Angriff nehmen.Meine amerikanischen Mitbürger, auch Sie müssen das Ihre zu unserer Erneuerung beitragen.

Ich rufe eine neue Generation junger Amerikaner auf, sich ein Jahr in den Dienst an der Allgemeinheit zu stellen – Ihren Idealen gemäß Kindern in Not zu helfen, Hilfsbedürftigen beizustehen, unsere zerrissenen Gemeinden wieder zusammenzufügen. Es gibt so viel zu tun – in der Tat genug für Millionen anderer, die im Geiste noch jung genug sind, um sich ebenfalls in den Dienst an der Allgemeinheit zu stellen.

Wenn wir anderen dienen, erkennen wir eine einfache, aber machtvolle Wahrheit: Wir brauchen einander. Und wir müssen uns umeinander kümmern.

Heute feiern wir nicht nur Amerika, sondern engagieren uns erneut für die Amerika innewohnende Idee:

    eine Idee, die während der Revolution geboren wurde und im Laufe von zwei Jahrhunderten der Herausforderungen erneuert wurde;
    eine Idee, die mit dem Wissen einhergeht, daß wir nur durch das Schicksal zu den Glücklichen oder den weniger Glücklichen gehören;
    eine Idee, die durch den Glauben veredelt wird, daß unsere Nation aus ihrer enormen Vielfalt die größtmögliche Einheit erlangen kann;
    eine Idee, die von der berzeugung geleitet ist, daß Amerikas lange heroische Reise immer nach oben führen muß. 

Mitbürgerinnen und Mitbürger, an der Schwelle des 21. Jahrhunderts wollen wir mit Energie und Hoffnung, mit Glauben und Disziplin neu beginnen und arbeiten, bis unsere Arbeit getan ist. In der Bibel steht geschrieben: “Laßt uns nicht müde werden das Gute zu tun, denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist.”

Vom Gipfel des Hügels, auf dem wir freudig feiern, vernehmen wir den Aufruf zum Dienst aus dem Tal.Wir haben die Trompeten gehört. Die Wachablösung hat stattgefunden. Und jetzt muß jeder von uns auf seine Weise und mit Gottes Hilfe der Aufforderung Folge leisten.Ich danke Ihnen und möge Gott Sie schützen.


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